
Hätte ich ein Wochenende mit einer kreativen Person meiner Wahl, ich würde mich nicht mit einer Person zufrieden geben. Vielmehr wünschte ich mir ein großes Ferienhaus und darin versammelten sich eine Gruppe von Frauen, deren Bücher, Musik oder wie auch immer sie ihre Gedanken und Gefühlen Ausdruck verliehen haben, mich beeinflusst, inspiriert oder zum Denken gebracht haben. Sie müssen dabei nicht berühmt sein. Vermutlich ist das das wichtigste Kriterium, denn Frauen sind immer noch oft eine übersehene Spezies für die die Bedeutung verleihen.
Das Sommerhaus steht in Schweden an einem See. Wo und wann sonst? Das Jahr ist egal, denn wir sind abgeschieden und zeitlos unterwegs. Wir kommen aus allen Jahrhunderten. Es ist Sommer, damit wir ungesehen und nackt in das erfrischende, kristallklare und kühle Seewasser springen können. Es ist warm, aber kühl genug, dass mensch nicht stundenlang faul auf einem Handtuch im Schatten einer Kiefer am Wasser liegen möchte.
Die Natur ist intakt. Um uns herum sind nicht nur Insekten, sondern auch Vögel aller Größen und Farben. Wir hören das Summen und Krabbeln einer Vielfalt an Käfern, Bienen und Schmetterlingen. Spinnen flicken im Tau der Morgendämmerung ihre Netze, bevor sie sich in den Schatten ihre kleinen, heimlichen Verstecke zurück ziehen.
Wir Frauen sind gar unbedarft in unser kleinen Gemeinde. Unbeobachtet scherren wir uns um keinen moralischen Blick, sondern erfreuen uns all der Möglichkeiten an körperlichen Aktivitäten. Wir Springen von Ästen, die weit über den See hinweg in den Himmel streben. Schwimmen nackt den Fischen hinterher, die flink in die noch kalten Tiefen vor uns fliehen. Erschreckt vom jubelnden Schreien und verzückten Gesten der Freude. Wir laufen, und klettern, tauchen und springen. Wir spüren unsere Körper und probieren sie aus. Nichts schränkt uns ein. Das mit uns selbst und im Reinen sein, führt zu energischen Gesprächen und lautem Gelächter. Dort wo äußere Freiheit herrscht, entsteht Vertrauen, wie zwischen Kindern.
Uns allen ist bewusst, dass dies eine Ausnahmesituation ist. Viele unter uns sind schon lange tot, einige nicht nur körperlich. Es wurde ihnen nie erinnert. Ihr Werk ist welk, wie ihr verrotteter Körper. Hier und jetzt aber tanzen sie im Miteinander, alles ist ungeschehen gemacht. Ihre Gedanken gehören ihnen, im Austausch wächst unser gemeinsames Bewusstsein.
Und trotzdem: Es tut weh vergessen zu sein. Zu wissen, zu spüren: ich werde nicht gesehen, ich werde nicht gehört. Das führt zu inneren Schmerz. Vergangen sein. Übergangen sein.
Sie sprechen darüber. Manche schreit das entstandene Leid, die Wut, die Trauer über die Missachtung ihres Werkes hinaus. Manche Ehefrau kann heute hier zum ersten mal erfahren, erspüren, dass sie das Leben einer anderen Person nur mitgelebt hat… das Leben einer fremden Person gelebt hat. Sie spielten die Ergänzung, gaben gar ihr Werk ab. Dort, wo eigentlich ihr Leben, ihre Gedanken, ihr Geist genutzt wurde, nannten es andere Inspiration, um Ruhm zu kassieren.
Die emotionalen Kosten sind hoch. Tragen sie ganz alleine.
In dieser Runde wird ihnen Mitgefühl geschenkt und gratuliert. Ihre Brillanz gesehen, bewundert, bestaunt, ihr Selbstbild geradegerückt.
Erkannt wird ihre Isolation, die Ideologie, auf derer ihr Leben ausgewrungen wurde, benannt. Das mensch dachte, dass ihr Frausein ihnen Wort- und Wertlosigkeit verlieh. Dass sie mit ihrem Wissen, ihren Gedanken eine – von immerhin – wenigen seien. Dass ihr Platz im Hintergrund berechtig, dass das Bühnenlicht der offensichtlichen Aufmerksamkeit sie, die zarte, weibisch tugendhafte Frau, welken hätte lassen. Dass der Platz im Außen dem Mann galt – und gilt(?).
Dass der ganze Hass, der Neid, der dann entstand, nicht Ausdruck einer seelischen Krankheit war, sondern eben genau das: Schmerz. Schmerz, der sich wie schwarzer Hautkrebs langsam und zielsicher durch den eigenen, doch so gepflegten Körper frisst.
Ein Austausch an Gedanken, Gefühlen, fröhlichen und traurigen tragen uns durch den Tag. Narben bleiben, wo Wunden heilen. Die Frauen entdecken, dass viele Gedanken und Erkenntnisse zum eigenen Selbst, Ideen für Geschichten und Notenabfolgen, zum Fühlen und Denken als Mutter, als Ehefrau, als beschäftigte Ausgestoßene, immer und immer wieder wie neu gedacht, neu gefunden werden mussten.
Was für eine Zeit- und Kraftverschwendung. Was für ein Kraftakt, es immer wieder zu neu zu schaffen.
Hier und dort rasen die Erkenntnisse aufeinander zu, tanzen miteinander und schaffen einen Ort, der keine Utopie ist, sondern schlicht Freiheit heißt.

