Ruhig: Erforsche Deine Gedanken

Schreibe 20 Minuten einfach drauflos und beginne jeden Satz mit „ich denke…“

Ich denke, dass ich überrascht bin, dass ich gerade nicht müde bin.

Ich denke, dass ich gerne Klavier spielen lernen möchte.

Ich denke, dass ich jeden Tage diese Kopfhörer aufsetzen muss, weil ich wirklich nichts außer dieser einen bestimmten Musik hören möchte.

Ich denke, ob ich wohl hören würde, falls jemand jetzt einbricht?

Ich denke, dass der Himmel draußen blaut ist.

Ich denke, dass es total bald so trocken ist, dass ich wieder täglich meine Blumen auf dem Balkon gießen muss.

Ich denke, dass ich gar nicht ehrlich so viel denke, sondern die Worte mit dem Aufsetzen des Stiftes kommen.

Ich denke, dass ich das Buch „ich denk, ich denk zu viel“ von Nina Kunz echt gerne gelesen habe.

Ich denke, dass ich es wohl noch einmal lesen werde.

Ich denke, vielleicht denkt das jemand auch mal über mein Buch.

Ich denke, dass mich das glücklich machen wird.

Ich denke, dass ich heute zum ersten mal mit den Tipps zum Schreiben mit Rachel Aaron arbeiten werde.

Ich denke, dass ich jetzt lieber am Buch sitzen würde, als an diesem Blog Post.

Ich denke, dass das ein gutes Zeichen ist.

Ich denke, „Mist, wie mache ich WA aus, während ich schreibe?“.

Ich denke, dass mich der Ton von WA nervt.

Ich denke, dass ich noch 11:28 Minuten an diesem Blog Post sitzen muss.

Ich denke, dass meine Finger vom Schreiben weh tun.

Ich denke, ich habe mir den Fingernagel ernsthaft verletzt und will „wildes Fleisch“ googlen.

Ich denke, bitte, lass die Leser:innen jetzt nicht alle Wildes Fleisch googlen.

Ich denke, du hast es gegoogelt.

Ich denke, dass manche jetzt aufhören werden weiter an diesem Text zu lesen.

Ich denke, dass das vielleicht unbewusst ein Versuch meines Innersten war, mich am Schreiben zu hindern, indem ich mir ausgerechnet in den rechten Daumennagel geschnitten habe.

Ich denke: Ätsch Unbewusstes, ich schreibe trotzdem.

Ich denke, was dazu wohl meine Therapeutin sagen würde und ob sie die Zeit, in der sie meinen Blog ließt, bei meiner Krankenkasse abrechnen kann. Und wenn mein Buch erschienen ist, ob sie den Kauf vom Buch abrechnen kann.

Ich denke an mein Buch und höre Geigen in meinen Ohren und empfinde diesen Moment als stimmig.

Ich denke an die Stunden, die die Musiker mit sich und ihren Instrumenten verbringen um so perfekt spielen zu können.

Ich danke, dass gleich mein Schreibblock voll ist.

Ich denke, dass das eine Seitenflöte ist, die ich gerade höre.

Ich denke, dass ich dem Orchester echt gerne zuhöre und ich hoffe, dass die Mitglieder, die gerade an diesem Stück gemeinsam spielen auch eine schöne Zeit miteinander haben.

Ich denke daran, wie die Kinder und ich gestern Abend im Bett zusammen gelacht haben.

Ich denke an meine Kinder und wie schön ich sie finde als Menschen.

Ich denke daran, dass ich hoffe, dass sie mit uns als Eltern auch eine gute Zeit haben. Mein Alltag ist schließlich ihre Kindheit.

Ich denke, dass ich vergessen habe, dass das eine Aufgabe ist, die ich gerade mache und dass dieses vor sich hinschreiben, die Sätze nach diesem Muster anzuhäufen, tatsächlich etwas sehr meditatives hat.

Ich denke daran, wie schön die Musik ist, die ich jetzt höre und dass es um dies zu schaffen nur einen Mensch und ein Instrument gebraucht wird: ein Klavier.

Ich denke, ob wohl andere Sätze geschrieben hätte, wenn ich es gleich am Laptop geschrieben hätte.

Ich denke wieder an meinen Finger und dass ich viele Vitamine essen muss, damit mein Immunsystem die Wunde gut heilen kann.

Ich denke, dass getrocknete Aprikosen echt was feines sind und kaue währenddessen auf einer herum.

Ich denke, dass diese Aufgabe jetzt vorbei ist und es schade ist.

Noch 15 Sekunden, und noch acht und jetzt….

Journaling mit Nina Karnikowski

Ab heute veröffentliche ich fünfmal die Woche einen Text auf diesem Blog. Die Rubrik Journaling ist aufgebaut nach Inspirationen und Ideen von Nina Karnikowskis Kreativ Box Deine innere Stimme. Im Englischen kommt mir der Name eher entgegen: The Writer Within.

Die Box ist gefüllt mit 50 super nett gestalteten Karten (illustriert von Atelier Bingo), die in 10 Kategorien aufgeteilt sind: Frei, Kreativ, Verändert, Dankbar, Mitfühlend, Aktiv, Zuversichtlich, Inspiriert, Ruhig, Verbunden. Hinter jeder Karte verstecken sich zudem Emotionen, die den Schreibprozess auslösen sollen. Mein lieber Freund Max hat mir diese Box vor ein paar Tagen geschenkt. Einfach so. Das war sehr nett. Alleine deswegen will ich daraus mehr machen, als einen Staubfänger. Als ich das Geschenk geöffnet habe, habe ich mich von ihm gesehen gefühlt. Und das war ein noch viel größeres Geschenk.

Ich mache mit diesen Karten jeden morgen eine 20 minütige Schreibübung. Es gibt dabei kein Ziel. Es ist ganz und gar zielloses Schreiben. Ich schreibe in dieser Zeit auch mit der Hand und nicht an der Tastatur. Ich mag eigentlich beides. Aber zum Wegschalten aus dem Alltag, um mich selbst und damit meine ich meine Hand, die Fingerspitzen, das Gehirn und im speziellen meine Kreativität aufzuwecken und mir selbst zu signalisieren: jetzt geht es los, dafür brauche ich eine Pause von Devices.

Ich wünsche euch beim Lesen viel Freude. Und falls ihr diese nicht habt, dann schau gerne an einem anderen Tag vorbei. Wer weiß, vielleicht schreibe ich dann über in einer Kategorie, die dich mehr kitzelt, zum Lachen bringt oder anregt mit mir gemeinsam weiterzudenken.

Bis dahin

Gesa

Verbunden: Schreibe draußen

hmmm,… ok. Ich schreibe draußen. Und schon jetzt, der erste Satz ist gerade erst geschrieben, weiß ich:

Ich hätte diese Aufgabe besser anders angehen sollen. Diese Karte schieben sollen.

Es soll in diesem Text um Natur gehen. Ich soll eine Minute damit verbringen, alles um mich herum zu beobachten. Zum Gesehenen einen Bezug herstellen. Und dann: 20 Minuten aus der Erinnerung heraus schreiben.

Nur: Ich sitze auf dem steinernen Türrahmen der Ballettschule meiner Tochter – mitten in Berlin. Es ist Ende Februar (2024). Ich vermute, langfristig gesehen, ist es wichtig das Jahr zu erwähnen. Für all die Leser:innen, die diesen Text zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahrhundert, in den sogenannten unendlichen Weiten des Internets, ausgraben. Vermutlich fehlt eben diesen Leser:innen das bitter kalte Erleben eines dauerhaften Kältezustandes, einer ganzen Jahreszeit, mit dem Titel: Winter.

Wie kann ich also verdeutlichen, dass dies aus vielerlei Gründen weder ein Naturerlebnis ist, noch ein Zustand ist, in dem ich 20 Minuten verbringen möchte?

Tatsächlich ist es schon frühlingshaft. Auf meinem Balkon sprießen, nein schießen, die ersten Blätter aus den Zweigen. Es hat was seltsam sexuelles sie anzuschauen. Ihr Grün hebt sich frisch von den Steinen der Mauer unseres Hauses ab. An manchen Tagen, manchmal auch in Folge, erleben wir in Berlin gerade 15* Grad Plus. Die Nächte aber sind weitgehend um nur wenige Grade über Null. Steine, wie die auf denen ich sitze, wärmen sich tagsüber nicht auf. Sie verbleiben in den nächtlichen Kältegraden. Wärmen sich, wenn überhaupt, nur ganz kurz  oberflächlich auf.

Kurz: Mein Arsch ist scheiße kalt. Erstaunlicherweise fühlt sich das fast erfrischend an. Seltsam genug. Allerdings merke ich die Kälte in meine Nieren ziehen. Unangenehm hart und neu. Es ist mein Alter, dass sich hier bemerkbar macht. Dabei habe ich oben so schön versucht alle Aufmerksamkeit auf das Äußere, die Kälte, Berlin, ansatzweise sogar die aktuelle Klimalage, zu lenken.

Ich schaue auf. Darf ich das? Oder ist die Aufgabe streng zu verstehen? Jetzt habe ich auf geschaut und bemerke neues.

Auf dem Boden vor mir liegen die letzten, dem Laubbläser im Herbst entkommene Reste an Eichenblättern herum. Braun, grau, fast durchsichtig, die kleinen feinen Adern gut sichtbar. Und dort, ein Ahornblatt. Gemeinsam mit Bierflaschendeckeln und mehreren Zigarettenstummeln.

Blicke ich auf sehe ich eine zweimal zweispurige Bundesstraße auf dem der Berliner SUV-Straßenverkehr hin und her rauscht. Kommen die Autos vor der nicht weit entfernten Ampel zum Stehen, dann höre ich auch noch die Räder eines Fahrrades oder die schweren Schritte eines, meist vorbeieilenden, Fußgängers. Kinderrufen und Eltern, die eben die Verursacher dieser anschieben auf ihren Rädern, Rollern oder Kinderwägen. Sie antreiben, anschreien, und mich verständniserhaschend anschauen.

Ich glaube Zwitschern, ich kann den Ruf oder das Singen der Vögel nicht unterscheiden, zu erahnen. Das ich die Stimmen der Vogelart nicht zuordnen kann, macht mich kurz traurig. Letztlich sind es nur so wenige und leise Stimmen, dass die Zwischenrufe im surrenden, brummenden, und surrenden Strom aus SUV-Lärm untergehen und ich sie vergesse.

Ich entscheide hier abzubrechen und diese Textaufgabe an wortwörtlich anderer Stelle eine neue Chance zu geben.

Ich hoffe, dass wenn ich die Karte in den Stapel gemischt habe und in einer unbestimmten Zukunft dann ziehen werde, ich Zugang zu einem schöneren Ort habe, mit mehr Natur um mich, die nicht unter Asphalt, Zement und Blech begraben ist. Und, der Ehrlichkeit wegen, wenn es wärmer ist und ich mir nicht ständig Sorgen um meine Nieren machen muss.