Mein Vater und ich

Ein alter Körper sitzt an einem massiven Holztisch in einer bäuerlichen Stube. Seine Hände, rau und rissig, Jahrzehnte alter Erde in den Falten, liegen zu lockeren Fäusten gewinkelt auf dem Tisch.

Die Ellen lassen die Hände ruhen und den Bogen penibel am Rand einen 90 Grad Winkel zur Tischkante bilden. Gerade, wie eine hochgewachsene Fichte im Forst, hält der Rücken den alten Körper und bildet mit den Schultern ein Kreuz.

Er zieht den Sauerstoff tief in seinen Bauch ein, will dem Gift seinen inneren Raum nehmen, es verdrängen. Es rausziehen, durch die Mund entweichen lassen. Was im inneren war, ist nun im äußeren. Es gibt keine Grenzen zwischen dem ich und dem Raum.

Mein Körper findet keinen Raum mehr. Die Enge nimmt mir die Luft zum Atmen. Etwas kriecht unter dem Türspalt zwischen Fliesen und Holz, dann über meine Fußspitzen hoch, in meine Beine. In meinem Bauch greift es zu meinem Herzen. Es beginnt zu rasen und ich spüre kalten Schweiß an meinen Füßen, meinen Armen, meinen Ohren.

Zeit ist relativ zur Masse eines Körpers. Zeit steht in keinem Verhältnis zur Seele.

Die Stille im Haus wird zu einem Rauschen in seinem Kopf. Er kommt nicht zur Ruhe, die Gedanken werden lauter, spalten sich von ihm. Seine Lippen nippen an einem Glas Rotwein.

Ich ziehe meine Hand von der Klinke der Tür und schleiche mich langsam zurück in mein Zimmer. Ich weiß, dass er mich trotzdem hört.

Ich ertrage das Gift der Stille nicht. Ich höre die Stille und sehe die Befehle, die sich eingeprügelt haben. Sein Ich wird zu meiner Angst. Seine Angst zu seiner Realität. Ohne Grenzen. Alles an ihm ist langsam, verzögert, bedacht. Wie ein Kind, das Mann sehen aber nicht hören darf

Gewicht der Trauer

Ich denke an unser Gespräch auf meinem Balkon. 

Wie ähnlich unsere Aussagen einander sind.

Deine meinen.
Meine deien.
Wie wir uns innerlich vorwerfen,
nicht lustig genug zu sein
für ein glückliches Leben.

Wie unsere Trauer uns vorgeworfen wird.
Statt das uns angeboten wird, die Last der Erfahrung uns abzunehmen.

Abzureden.

Uns ab und zu
spontan
zu umarmen,
zu halten.
Auszuhalten.

Dass das Gewicht der Vergangenheit uns drückt.
Erdrückt.
Nieder drückt.
Wegdrückt
aus dem Raum, der uns zu steht.

Der Raum, der unser Leben ist.

Depressionen sind eine harte Zuschreibung von außen,

dass nicht weniger heißt als:
du bist schuld,
du musst das tragen,
ich will damit nichts zu tun haben.

Depressionen sind ein Wort zur Ab- und Ausgrenzung.
Für: ich will nicht sehen,
Hingucken,
verstehen.

Es ist eine Fremdbezeichnung.

Und das tut weh.

Und das ist der Schmerz.

Ich denk an dich.
Und ich verspreche dir,
es wird nicht ewig so sein.

Jetzt ist es schlimm und tut weh. Aber es geht wieder.
Es ist ein Gefühl.

Nicht die Realität

Ausführung II: Warum ich schreibe

Ich gehe Kindern in den Kindergarten, deren Eltern Arbeitslosengeld bekommen. Sie leben in mehrstöckigen Gebäuden, in kleinen Wohnung, in dunklen Zimmern, die vom Amt gezahlt werden. Ihre Eltern trinken Bier aus Dosen auf denen 50% Sonderangebotssticker kleben und setzten ihre Kinder morgens vor den Fernseher.

Ich gehe mit Kindern zur Schule, deren Eltern in dritter Generation eine Firma führen. Sie leben in Häusern, deren Grundriss einen Swimmingpool, eine Sauna und ein Gartenhaus mit Gästewohnung beinhaltet. Die Fenster sind bodentief, die Sonne erhellt die Zimmer selbst im Winter. Die Eltern trinken Rotwein mit Flaschen auf den Jahreszahlen gedruckt sind, in denen die Kinder geboren sind. Sie essen zweimal täglich ein warmes Essen, während die Hausangestellte die Küche aufräumt. Ihre Haushälterin ist „ihnen wie eine Freundin“ und während ihre eigenen Kinder alleine zur Schule gehen, fragt sie die Kinder ihrer Arbeitgeber morgens die Vokabeln ab.

Pierre Bourdieu, ein bekannter Soziologe aus Frankreich, hat diese sozialen Unterschiede, die meine Schulkamerad:innen und ich erlebten, Unterschiede in unserem sozialen Kapitel genannt. Je höher der sozioökonomische Status, je höher das Bildungsniveau der Eltern, desto höher das soziale Kapital. Die Höhe des soziales Kapital steht in Relation zum ökonomischen Kapital.

Oder anders: Wenn ein Vater abends bei teuren Rotwein mit anderen reichen Menschen bei Kamingesprächen zusammensitzt, deine Mutter bei einer überregionalen Zeitung arbeitet und dort regelmäßig mit Redakteur:innen zu Mittag isst oder zur Happy Hour geht, ist die Chance dieser Kinder wesentlich höher in der Firma des Freundes deines Vaters oder in der Redaktion der Kolleg:in deiner Mutter ein Praktikum zu machen. Die Chancen dabei sinnvolle Aufgaben und Verantwortung übertragen zu bekommen, sprich etwas relevantes für das Studium zu lernen, oder dich sogar aufgrund von Leistung für eine Anschlussbeschäftigung zu empfehlen, sind sehr viel höher, als ein Kind, deren Eltern auf dem Bau, als Altenpflegerin, oder in der Bäckerei arbeiten und abends zu müde zum netzwerken sind, bzw. kein Geld haben, um auswärts zu essen.

Wir leben in einer Erbgesellschaft. Wir erben von unseren Eltern nicht nur ökonomisches Kapitel, Immobilien, in Form von Ferienhäusern, Geld für Wohnungen oder schlicht Geld auf der Bank. Wir erben auch Umgangsformen, eine Art uns anzuziehen, oder unsere Kinder an- und zuerziehen. Wolle und Seide in beige und rosa, statt pink in Leuchtfarben auf Plastik. Wir lernen, zu bestimmten Markenprodukten im Supermarkt zu greifen, weil „der Käse einfach anders schmeckt“, obwohl der von gut und günstig daneben, nur eine Überproduktion des gleichen Herstellers ist. Aber das wissen wir nicht, weil wie ihn nicht kaufen müssen.

Wir ziehen in eine bestimmte Gegend, in der wir uns vorstellen können unsere Kinder aufwachsen zu sehen. Das denke wir. Aber was wir sehen ist: die Privatschule ist in laufnähe. Unsere Nachbarn in dieser Gegend tragen zufällig die gleichen Marken wie wir, kennen die gleichen Strände und Ski-Orte. Wir können es uns leisten, zu denken, dass dies nur ein schöner Zufall ist. Diese Übereinstimmungen vermitteln uns ein Gefühle des Kennens, des Daheim seins, des Vertrauens. Wir müssen uns über nichts wundern, denn es ist ein Code, den wir sprechen, den wir leben.

Und während du das ließt, fühlst du dich an der falschen Stele getroffen, denn: Was ist bitte falsch damit, dass wir uns wohl fühlen wollen? Das beste wollen für unsere Kinder?!

Ist es das beste für unsere Kinder, soziales Kapital und ökonomisches Kapital innerhalb weniger Familien zu verstetigen? Und nicht nur zu verstetigen, sondern bei Rotwein am Kamin werden eben auch Anlagetipps ausgetauscht, um unser Familienvermögen zu vergrößern. Wer Immobilien besitzt, hat die Möglichkeit auf Basis dieser Kredite für weitere Immobilien aufzunehmen. Und wer Zugang zu Redaktionen hat, kann darüber schreiben, warum es es gerecht sei, Vermögen oder Erbe nicht zu hoch zu besteuern. In der Bibel steht: wer hat, dem wird gegeben. Mit Bourdieu: Wer Vermögen hat, hat Zugang zu sozialen Kapitel, zu Menschen, die sicherstellen können, dass das Vermögen sicher vor staatlichen Zugriffen bleibt.

Nebenbei verbrauchen Menschen mit höherem ökonomischen und sozialen Kapital mehr natürliche und gesellschaftliche Ressourcen. Wer mehr in den Urlaub fliegt, stößt mehr CO2 aus; wer einen SUV fährt, fährt mehr auf unseren Autobahnen, oder reist insgesamt mehr, als jemand, der kein Auto hat, oder Urlaubsgeld anspart, um einmal im Jahr nach Mallorca zu fliegen, oder auch nur mit dem Zelt an die Ostsee. Polemisch formuliert: die einen brauchen den Flughafen für ihre Privatjets, die anderen um einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Menschen mit Geld, Beziehungen und materiellem Wohlstand berufen sich auf eine vermeintliche Leistungsgesellschaft. Sie definieren diesen Begriff für sich. Denn: Sie wachsen ohne Bezug zu Leistung auf. 

Ich habe Kinder mit mir aufwachsen sehen, die vor der Schule schon ihre Geschwister versorgt haben, die Wohnung geputzt haben, alles nur, damit die Mutter nach der Nachtschicht ohne Schuldgefühle schlafen kann. Eine Schulkollegin hat mit Männern in deren Autos Sex gehabt, damit sie nicht nach Hause zu ihrem saufenden Vater muss. Ich hatte Mitschülerinnen in meinem Jahrgang, die die Reclamhefte nicht bezahlen konnten. Die saßen neben denen, die nach der Schule jeden Tag Mathenachhilfe bekamen, in großen Nachhilfeschulen mit angesammelte, kopierten Klausuren, die bis zu 10 Jahre zurück reichten. Trotzdem reichte das Abitur nicht, für einen Medizinstudiumsplatz, aber dafür das familiäre Geld für eine Privat-Hochschule im Ausland. Wer Zugang zu Geld hat, bescheißt nicht, indem er sich Notizen auf sein Lineal macht, oder Zettel in die Hosentasche steckt. Und er braucht sich dafür auch nicht zu schämen, schließlich investieren die Eltern ja das Geld in ihre Ausbildung.

Menschen, die Macht und Geld haben, sagen Sätze wie: es ist nicht mein Geld. Es ist das meiner Eltern. Das Leben ist nicht fair.

Nur stimmt das nicht. Ja, es gibt Ereignisse, Krankheiten, Unfälle, die Menschen treffen, die es nicht verdient haben. Es gibt Dinge in all unser Leben, die wir nicht beeinflussen können.

Aber: Der Kapitalismus ist eine Entscheidung, die wir alle jeden Tag treffen. Und umso mehr wir Zugang zu Geld haben, umso mehr bestimmen wir, wie dieser Kapitalismus aussieht.

Der Kapitalismus ist qua Definition, qua Wortstamm auf den Wohlstand einiger wenige Kapitalisten (und in vergleichsweise geringer Anzahl Kapitalistinnen) ausgerichtet. Inhärent ist dem Kapitalismus die Idee von der Erbschaftsgesellschaft und dem Patriachat. Beides entstammt historisch der Idee, Eigentum um eine männlich geführte Familie zu organisieren

Leistung wird im Kapitalismus nicht belohnt, sondern die genetische/ ius sanguinis oder zumindest rechtliche Zugehörigkeit zu einer definierten männlichen Herkunftsfamilie. Die Idee der Leistungsgesellschaft im Kapitalismus ist de facto die erfolgreich internalisierte Idee der Nicht-Kapitalisten durch ein geringfügiges Anreizsystem beständig zu akzeptieren, sich unterlegen zu fühlen. Das System ist erschöpfend, für die Nicht-Kapitalisten, da sie keine Macht haben. Nicht über den Wert ihrer Zeit, ihrer Arbeit, ihr Leben. Wer sie sind, wie viel sie wert sind, wird beständig von Außen festgelegt. Die herrschende Meinung ist die Meinung der Herrschenden.

Der Schulkollegin, die die Geschwister betreut und die Wohnung aufgeräumt hat, bevor die Mutter heimkam, war in der Schule zu müde um aufzupassen, sie hatte kein Geld für Nachhilfe, und natürlich machte sie ein schlechteres Abitur als der Arztsohn. Aber bestimmt nicht, weil sie sich weniger angestrengt hat, oder weniger intelligent war. Das Mädchen, das im Auto Sex mit fremden Männer hatte, war keine Schlampe, sondern ein Mädchen, dass den Willen hatte zu überleben, trotz all der Verletzungen. Auch sie hat ihr Abitur geschafft. Ganz allein. Beide Mädchen hatten schon mehr erledigt, geschafft, geleistet als die meisten anderen an unserer Schule, bevor sie überhaupt einen Schritt in die Schule morgens gesetzt haben.

Um zu erkennen, wo der Kapitalismus schief läuft gibt es einen ziemlich guten Indikator: Neid. Neid hat einen schlechten Ruf (vgl. oben Meinung der Herrschenden). Das sollte er nicht haben. Denn Neid zeigt uns an, dass etwas falsch läuft, dass es eine Verletzung gibt. Eine Verletzung eines sehr menschlichen, wenn nicht dem wichtigsten menschlichen Gefühl: Gerechtigkeit.

Ausdrücken tut sich das über Zeit in Diskriminierung. Wir kennen es alle im Alltag, als ausführende und empfangende. Die, die es spüren, spüren es oft nur wie kleine, kaum zu registrierende Pieckse, die über Dauer krank machen. Die Generation Z nennen es Rassismus, Sexismus, Mysogenie, Ableiusm, Klassismus – der klassische Fall den Bourdieu beschrieb, und der im Kapitalismus am besten in uns übergegangen ist. Wir drücken das situativ aus mit: So ist es eben./ Da kann man nichts machen./ oder: ich habe mich so ohnmächtig gefühlt. Ohne Macht.

Was Bourdieu nett mit den Worten Kapital beschrieben hat, ist schlicht ein Machtsystem. Wir atmen es jeden Tag , wir agieren jeden Tag darin. Es beginnt mit unserer Geburtsort, und hört auf damit, ob wir uns eine Beerdigung leisten können. Angeblich gibt es mehr Menschen, die sich den Weltuntergang durch die Klimakrise vorstellen können, als ein Ende des Kapitalismus. So sehr ist es Teil von uns.

Ausführung: Warum schreibe ich

Am Wochenende habe ich mich spontan entschlossen an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen. Die Aufgabe war 25 Seiten Textprobe, ein 2-3 seitiges Dossier zu meinem (unfertigen) Roman und einen Lebenslauf zu mir. Abgabe Montag, 18Uhr. Die größte Herausforderung für mich war, dass ich in weniger als 48 Stunden aufschreiben musste, worüber ich eigentlich schreibe. Ich habe herum gedruckst, hatte Angst, dass ich zu politisch werde, und wenn politisch, vielleicht nicht so, wie es von den bewertenden Personen geteilt wird. Zudem bekam ich kurz zuvor eine SMS von einer alten Freundin. Wir haben seit Jahren kaum Kontakt. Sie ließt diesen Blog und mag ihn auch. Gleichzeitig hat sie mich auch, herumdrucksend, gefragt, ob es mir gut geht. Ich kann nur erahnen, warum sie das fragt, aber ich glaube ihre Frage und mein Unwohlsein klar zu formulieren, was ich mit all den schon geschriebenen Texten und mit den kommenden aufschreiben möchte, läuft auf folgendes hinaus. Ich freue mich über Feedback von Euch.

Mit 7 Jahren hatte ich eine Freundin in meiner Klasse – und ein Gefühl. Mit 11 Jahren hatte ich eine Freundin in meiner Klasse – und ein Gefühl. Mit 12 Jahren hatte ich eine Freundin in meiner Klasse – und ein Gefühl. Aber ich hatte keine Worte für das Gefühl.

Kann ich beweisen, dass der Vater der siebenjährigen, sie nicht nur „am ganzen Körper“ gekitzelt hat, „weil sie als erwachsene Frau nicht mehr kitzelig sein dürfe“? Kann ich beweisen, dass die elfjährige jeden Tag aus Selbstschutz frischgehacktes Mett mit rohen Zwiebeln gegessen hat, damit sie aus Mund und Poren stinkt, wenn ihr Stiefvater nachts zu ihr ins Bett steigt? Warum hat die zwölfjährige sich acht Jahre lang herablassend und verachtend von ihrem ersten Freund behandeln lassen, und posiert jetzt fast nackt auf Instagram, um die Ferienwohnungen ihres Ehemannes zu bewerben?

Über die Klassenstufen hinweg blieb das Gefühl, dass sich ab der Pubertät mit Schnitten in ihren Armen ausdrückte; In Pullis, die ihre spitzen Schultern versteckten; Hosen, die sie notdürftig mit Gürteln auf ihren knochigen Hüften hielten und Ringen unter den verschlafenen Augen. Ich habe das gesehen, aber ich hatte keine Worte für das was ich sehe. Ihr Selbstverletzendes Verhalten schwächt sie, ihren Körper, ohne ihn zu töten. Niemand hört zu, stellt Fragen, fragt nach, hat Mitgefühl. Ich nicht, ihre Tischnachbarin nicht, die Klassenlehrer:in nicht, die Nachbar nicht. Stattdessen beschuldigen wir sie und beschwichtigen uns, dass sie „nur Aufmerksamkeit suchen.“ Dabei suchen sie eine Beziehung aufzubauen zu uns, auf die einzige Art und Weise die sie kennen, durch die Verletzung ihres Ichs, ihres Körpers…

Mit 21 Jahren sitze ich in einem Regionalzug der Deutschen Bahn und der Mann mit gegenüber löst seinen Hosenknopf, zieht den Hosenstall runter, seinen Penis raus und holt sich einen runter. Ich verlasse das Abteil. Als ich meiner Mutter am Bahnhof davon erzähle, sagt sie: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Ein paar Jahre später sitze ich in einem vollen Regionalzug nach Kiel und lutsche einen Lolli. Mir sitzt ein Mann gegenüber, der mich daraufhin deutlich und laut als Hure beschimpft und dass ich, „wenn du nicht aufhörst, selbst schuld bist, wenn ich dich gleich ficken muss.“ Auf 106 Plätzen im Großraumabteil sitzt nicht eine Person, die hilft. Ich bitte mehrmals darum. Ich habe ein Gefühl und weiß jetzt, dass es Angst ist. Bei der Ankunft in Kiel, falle ich meiner Freundin in den Arm. Als ich mit ihr erzähle, was ich erlebt habe, zuckt sie mit den Schulten. Ich habe ein Gefühl, es heißt Scham.

Wir wissen alle, das es passiert – über Statistiken, Berichte in Podcasts wie „Verbrechen“, ab und an ein Bericht in den Zeitungen. Wir wissen, dass in Film, Fernsehen und vielleicht sogar in der Politik über #metoo gesprochen wird. Wir wissen, dass alle drei Tage in Deutschland eine Frau von einem männlichen Familienmitglied oder einem Ex-Partner umgebracht wird. Wir wissen, dass in Deutschland 2023 12.300 Vergewaltigungen oder sexuelle Übergriffe in besonders schweren Fällen von Männern auf Frauen passieren. Aber das passiert auf Twitter, spotify, in Berichten der Allgemeine Zeitung,  sind Zahlen in Statistiken.

Wir wissen nicht, wie haben nicht verinnerlicht, wir haben keine Worte dafür, dass es meine Nachbarin ist, das Mädchen das im Matheunterricht neben mir sitzt, oder das Kind auf der Schaukel in unserer Gated Community. Oder halt auch ich.

Es passiert anderen, die ich nicht kenne. Wo anders, wo ich nicht lebe. In anderen Milieus, in anderen Stadtvierteln, wo ich zum Glück nicht lebe. Sowas passiert nicht bei uns, bei mir auf dem Dorf, in der Vorstadt, nicht bei uns in der Straße, nicht in unserem Haus. Nicht in unserer Familie. Das wissen wir. Das haben wir verinnerlicht.

Ich schreibe, genau wie ich lese, um ein Gespräch anzufangen. Die Autor:innen, die ich lese, beantworten Fragen, die ich mir stelle. Ich lerne Zugang zu meinen Beobachtungen und Erlebnissen zu bekommen. Sie mit meinen erwachsenen Fähigkeiten sichtbar zu machen: zu fühlen, zu benennen, einzuordnen. Von mir als Individuum zu trennen. Mein Erleben mit Sprache zu versorgen.

Ich lese genau wie ich schreibe: mit Bildern. Beschreibe das, was aus der Position, in der ich stehe, als Kind stehe, sichtbar ist. Ich mache mir das, was ich immer gesehen habe, zugänglich. Ich zerreiße, den Auftrag an mich, indem ich die Details aufschreibe. Nenne konkret das, was mir beigebracht wurde nicht zu sehen, wir mir beigebracht wurde wegzuschauen, oder zu tun, als sei es nicht. Das System, die Muster, erschaffen sich in diesen Details. Ich befreie mich von dem, was ich nie lernen wollte, indem ich jetzt ehrlich erzähle, berichte.

Ich halte die Angst aus, die damit einhergeht. Ich bedecke sie nicht mehr mit der Scham anderer. Angst ist wichtig für mich, sie zeigt mir an, dass Gefahr droht.

——– Fortsetzung folgt—–

Den Willen zum Schreiben trainieren

Mein Name von einem Fremden an eine Wand in meinem Kiez gesprayt

Ich lese gerade ein Buch, dass mir jemand empfohlen hat. Ich werde sie hier die Füchsin nennen. Das Buch ist von Irvin D. Yalom und heißt: Liebe, Hoffnung, Psychotherapie. Es inspiriert mich zu folgendem Text:

In meiner Kindheit schaue ich mir von den mich umgebenden Menschen ab, dass es wichtig ist im Moment zu funktionieren. Dass konstant daran gearbeitet wird, ganz viel zu arbeiten, abzuarbeiten, die Menge an Arbeit nie abnimmt aber zumindest der Eindruck ständiger Beschäftigung mit eben dieser Arbeit hilft, ein Gefühl von Übersicht, Kontrolle zu erarbeiten.

Dauerhafte Kontrolle gibt es nicht. Der beschäftige Versuch nach Kontrolle nimmt Raum ein.  Nimmt Platz wo eigentlich  Unlust, Wut, Genervtheit, Trauer, keine Zeit zum Spielen zu haben,  sind.  Diese Gefühle reiben auf, sie zu fühlen bringt nichts voran, als wende ich mich von ihnen ab indem ich eine Mauer um sie baue. Eine Mauer gegen das Fühlen. Ich sperre meine Normalität durch die Mauern aus. Grenze alles ab, was ich nicht kenne. Und passe alles so an, dass ich Teil der Normalität, meiner Umgebung sein kann. Jetzt herrscht Ruhe.

Nur manchmal, dann immer öfter, höre ich, dass hinter der Mauer etwas ist, das versucht die Mauern zu durchbrechen. Wut, Trauer, Hoffnung, Liebe stehen davor und kämpfen um Aufmerksamkeit. Sie schlagen gegen die Mauern, sie rufen laut und deutlich: „Wir sind hier. Nimm uns wahr!!“ Der ständige Lärm vor meinen Mauern ermüdet mich, lässt mich nicht mehr schlafen, strengt mich an. Ich will das nicht. Also suche ich einen Weg, sie nicht mehr zu hören. Alles was ich tue ist darauf ausgerichtet, die Stimmen nicht mehr wahrzunehmen. Eines Tages wache ich auf mit dem Rücken zur Mauer und habe vergessen, was hinter mir ist.

In meiner Jugend arbeite ich genauso, wie ich es als Kind beobachtet habe. Ich mache alles, was von Außen an mich herangetragen wird. Hinterfrage nichts. Sage nicht nein. Jeder Tipp, jede Anmerkung, die irgendwo herumliegt, mache ich zu meiner Aufgabe.

Habe ich Ruhe, bin ich nervös. Ruhe heißt, ich kann gerade nicht funktionieren. Ich kann gerade keine Arbeit ableisten, mich bewähren, beweisen, dass ich Teil der Normalität bin. Also provoziere ich Stress. Der eine Zustand, der mich absurderweise beruhigt. Ich streite, ich bin angespannt, niemand traut sich an mich ran.

Ich mache viel zu viel Uni, Sport, Auslandsjahre, betreue Freundinnen durch herausfordernde familiäre Situationen, halte das Taschentuch, sobald eine Bekannte Liebeskummer hat, und lade mir noch den Uni-Kurs auf Englisch auf. Ich bin komplett überfordert, aber so ist das Leben: anstrengend.

Ich breche körperlich zusammen, bekomme Panik Attacken, streite mit Menschen, um irgendwie dieses viele, zu viele, aus mir raus zubekommen. Kann nicht mehr alles essen, nicht mehr gut schlafen, kraze mir das Gesicht blutig. Mir ist ständig schlecht, ich habe Bauchweh, Durchfall.

Was ist nur los mit meinem Körper?  Ich fühle mich ungenügend, der Normalität nicht gewachsen. Mein Körper funktioniert nicht so, wie ein normaler Körper funktioniert. Ich bin verzweifelt, orientierungslos, weiß nicht was ich tun kann, um meinen Körper zu helfen. Bin übermüdet.

Als junge Erwachsene bin ich misstrauisch, und manchmal verstörend traurig ob der Zurückweisung. Ich versuche euch alles Recht zu machen! MERKT IHR DAS NICHT?. Wieso sind die so, die anderen? Was habe ich denen getan? Warum schließen die mich aus? Mir fehlt ein innerer Kompass, an dem ich erkenne, was richtig oder falsch ist, wohin ich gehen will und was ich lieber auslasse. Ich kreise um mich selbst, bis mir schwindelig ist. Ich will aussteigen.

Stattdessen versuche ich weiterhin allen ihre Bedürfnisse zu erfüllen, Orientierung in ihnen zu finden. Fremdgesteuert hangle ich mich durch mein Leben, von einem Ast hin – und zurück. Hin und zurück. Ich bin zu schwer, ich hänge und hänge, immer am den gleichen zwei Ästen. Ich lasse mich fallen, lande in meinem Bett und werde nicht aufstehen.

Ich denke, ich will meinen eigenen Baum. Dann kann ich das damit Holz ernten und aus den Brettern einen, meinem Pfad zimmern. Ich wässere die Setzlinge mit meinen Tränen, demn so ergibt meine Verzweiflung Sinn.  Die Setzlinge wachsen und ein kleiner Wald entsteht. Wo ein Wald, dort sind auch Tiere und eines Tages schreitet die Füchsin in mein Leben.

Sie sagt: „Schau dich um, siehst du, du stehst vor einer Mauer. Du schleichst vor der Mauer hin und her und weinst vor dich hin.“ Ich stütze mich auf dem Bett auf und fühle mich ertappt. Ich drehe mich um, und sehe die Mauer. Ich kenne die Mauer. Steht vor mir und trotzdem fühle ich mich von ihrer Gewalt erdrückt.

Ich wende mich der Füchsin zu, und ich denke, dass alles leichter wäre, wäre ich auch ein Fuchs.  Ich versuche ein Fuchs zu werden. Da spricht die Füchsin wieder, dieses mal etwas lauter:“ Du kommst auf deinem Weg nicht voran, wenn du die ganze Zeit auf eine Mauer starrst und gleichzeitig versuchst jemand anderes zu sein.“

„Wer bin ich?“, Frage ich die Füchsin! „Woher soll ich wissen, wo ich hin soll, wenn nicht entlang der Mauer?“ Ich will meine Füße dazu bewegen, mich umzudrehen. Aber ich habe Angst, dass wenn ich mich umdrehe, dass die Mauer dann auf mich fällt. Oder vielleicht sogar weg ist. Wo soll ich denn wissen, wo ich stehe, wenn da keine Mauer mehr ist?

Die Füchsin beobachtet mich, ignoriert meine Frage und sagt: “ Eine Mauer ist keine Landkarte, sie ist kein Kompass. Sie ist eine Mauer. Sie kann dir keine Orientierung geben. Wenn du eine Landkarte willst, dann musst du eine Landkarte zeichnen.“

Und weiter: “ Eine Mauer kann einsperren, eine Mauer kann versperren, eine Mauer kann eine Hürde sein. Sie kann aus Stein,  sie kann aus Lehm sein. Sie kann überwindbar oder unüberwindbar sein. Sie kann stahlhart sein oder wie aus Gummi.  Aber: Wenn du eine Landkarte zeichnen willst, musst du erkennen, dass da eine Mauer steht.“  Dann schweigt sie und Stille breitet sich aus.

Ich schaue mir die Mauer an, und suche nach Spuren in der Mauer. Spuren von der Person oder den Personen, die diese Mauer aufgebaut haben! Woher kommen die Steine für die Mauer? Aus welchem Material sind die Steine? Warum sind die Steine so, und nicht anders aufgeschichtet worden? Warum brauche es diese Mauer hier und nicht woanders? Gab es schon ähnliche Mauern?

Und ich suche nach Spuren von dem, was hinter der Mauer sein könnte!  Dann akzeptiere ich die Stille und setze mich vor die Mauer und akzeptiere, dass die Mauer da ist. Ich akzeptiere, dass die Mauer da ist, und dass es mich stört, dass sie da ist. Und dann bemerke ich,  wie die Mauer mich von dem trennt, was auf der anderen Seite ist. Und dass es diese andere Seiten geben muss.

Je länger ich die Mauer anschaue, je neugieriger ich werde, desto vertrauter wird mir die Mauer. Ich beginne jetzt mit der Mauer zu reden, ich sage ihr, dass sie mich einsperrt. Ich beklage, dass ich wegen ihr nicht weiß, wo ich bin. Ich sage ihr, dass ich wegen ihr nichts anderes erkennen kann, als die Grenzen, die sie mir setzt. Desto mehr ich spreche, desto stärker spüre ich, dass ich traurig bin, dass die Mauer da ist. Und dann passiert ist: Ich weine im hier und jetzt, genau hier, ich weine darüber, dass ich hier sitze und die Mauer da ist. Und hinter dieser Trauer,  entdecke ich noch eine andere Trauer. Eine die so groß ist, dass sie mich überwältigt. Ich schließe die Augen und sehe all das, was ohne die Mauer hätte sein können. Es dauert ewig und doch hat es ein Ende.

Ich atme tief ein, spüre, dass ich mich freier fühle, blicke in mich hinein und sehe auch das, wovor mich die Mauer beschützt hat. In mir breitet sich dankbare Wärme. Ich öffne die Augen und die Mauer ist weg.

Vor mir steht ein Baum , mein Baum. Nein, vor mir steht ein ganzes Leben an Wald, grün und voller Lebenskraft. Ich kann den Frühling riechen, dessen Kraft  den Wald zum Leben erweckt. Ich kann die Vögel hören, die sich über mich unterhalten und sich zu zwitschern, wie schön die Welt ist, die ich gerade mit meinem Blick erschaffe. Ich nehme den Wind wahr, der mir zuflüstert, welche Möglichkeiten es in dieser Welt gibt.

Ich schaue mich nach der Füchsin um. Sie ist nicht mehr da, aber ich weiß, sie ist Teil von dem Wald. Von meinem Wald.

Ein Wald, der gut so ist, wie er ist. Nichts hat hier eine Funktion, nichts ist mechanisch. Es ist einfach. Der Wind erzählt mir von Stürmen, die im Laufe meines Alterns am Horizont aufziehen, von Gewittern und von schweren Blitzen und Donnern. Aber auch von Sonnenschein und Nächten der Ruhe. Aber in mir spüre ich meinen inneren Kompass, der mir helfen wird, mich in meinem Wald zurecht zu finden.

Verbunden: Schreibe einem Gegenstand

Heute soll ich einem Gegenstand schreiben. Ich bin gespannt, was dabei aus mir herausfließt. Wir sind unterwegs ins Osterfest, und ich schreibe aus ausnahmsweise direkt am Handy in der App. Kein korrigieren der Zwischenschritt.

Vor zwei Tagen habe ich an unserem Spielplatz die Büsche beschnitten und uns daraus wunderschöne Sträuße erstellt. Gemeinsam mit meiner Tochter habe ich damit die Wohnung geschmückt, dabei sind wir fast eine ganze Woche nicht da.

Sie haben gerade ihre Fühler Richtung der wärmenden Sonne ausgestreckt, ihre betörenden Duftstoffe haben die ersten wachen Bienen angelockt. Mich angelockt, genau wie das pralle gelb der Blüten. In meiner Gier nach Beständigkeit dieser Schönheit, habe ich mit meiner scharfen Gartenschere, bevor sie den Sommer richtig genießen konnten, die Äste von ihrem restlichen Laib getrennt. Wortwörtlich abgeschnitten.

Ich fühle mich egoistisch. Welche Biene, welche Mücke, welche Hummel hätte sich an ihnen, am köstlichem Nektar, ihren Hunger stillen können? Vielleicht hätten sie im Herbst Samen mit der Kraft der ersten stürmischen Gewitter hunderte Kilometer weit verschickt. Und nun stehen sie mit anderen Stilen in dieser Wohnung, umgeben von Holz aus gefällten Bäumen, Büchern aus gefällten Bäumen, Stoffen aus Wolle von gezüchteten Bäumen… Während ich aus dieser Perspektive denke, sehe ich meine Wohnung wie einem Friedhof aus Naturressourcen,  in dem sich die stile nun einreihen. Sie können nicht fliehen, und selbst wenn sie auf ihre Art  schreien, um Hilfe bitten, leiden, habe ich nicht die Fähigkeit sie zu hören. Wie bequem.

Ich bin überzeugt, dass Pflanzen etwas empfinden. Ähnlich wie wir Tiere das tun. Nur weil wir etwas nicht verstehen, oder es uns nur schwer oder gar nicht vorstellen können, heißt das nicht, dass etwas nicht sein kann. Es erscheint mir folgerichtig, dass nach Millionen von Jahren, es gibt Pflanzen und Pilze viel länger als Tiere, diese miteinander in Verbindung stehen, sich aufeinander beziehen, mit einander sind.

Ich bin damit aufgewachsen, dass Tiere wie Maschinen funktionieren und Pflanzen da sind, um diese Maschinen zu ernähren. Vielleicht fällt es mir deswegen weiterhin so leicht, pflanzen als Gegenstände zu sehen und sie gedankenlos abzuschneiden.

Ich möchte, dass die stile Wurzeln schlagen. Dass ich sie damn auspflanzen werde. Dass ich ihnen nich wehtun will. Ich schreibe das, und muss am den Satz denken: gut gemeint ist nicht gut gemacht. Was ändert meine Hoffnung, meine guter Wille daran, was gut für die Pflanze ist…

Sofort springen alle Abwehrmechanismen in mir an: jedem Tag werden so und so viel Hektar Wald gefällt, ich hingegen habe nur ein paar Zweige geschnitten. Ich habe schon so viel für Bäume getan… Verleugnen, Rationalisierung, Verschiebung, Idealisierung… Ich kann bequem in alle diese Verhaltensweisen springen.

Meine liebe Pflanzen,.. ich habe es nicht besser gewusst. Es tut mir leid.

Verändert: Frei von Reue

Meine gestrige Aufgabe bestand darin, mir darüber Gedanken zu machen, was ich bereue bzw. was mich froh macht, dass ich es getan habe. Entsprechend habe ich fünf Minuten damit verbracht Sätze mit „Ich wünschte, ich hätte…“ und dann weitere fünf Minuten Sätze aufzuschreiben, die mit „ich bin froh, dass…“ . Letztlich sinnierte ich dann 10 Minuten darüber nach, ob und welchen Platz ich Reue in meinem Leben einräumen möchte.

Bereust du etwas in deinem Leben? Was ist das und magst du es mit mir teilen? Vielleicht inspiriert es mich für den nächsten Beitrag. Ich freue mich über deinen Kommentar!

Ich wünschte, ich hätte in meinem Leben immer und durchgängig Tagebuch geschrieben.

Ich wünschte, ich hätte früher eine Therapie begonnen.

Ich wünschte, ich hätte mehr Wert auf mich als Person gelegt.

Ich wünschte, ich hätte mich früher von dem unbedingten Wunsch in einer Beziehung mit einem Menschen sein zu müssen, emanzipiert.

Ich wünschte, ich hätte nicht als Au-Pair in Majadahonda/ Madrid gelebt.

Ich wünschte, ich hätte nicht in Trier Politik studiert.

Ich wünscht, ich hätte in Wien mehr von der Stadt mitgenommen.

Ich wünschte, ich hätte mich früher intensiv mit mir selbst beschäftigt.

Ich wünschte, ich hätte ab und an mehr getanzt statt gedacht.

Ich bin froh, dass ich mich so zugewandt und bewusst um meine Kinder kümmere. Dass ich sie so sehr lieben kann.

Ich bin froh, dass wir als Familie so gemeinsam leben, wie mein Mann und ich das jeden Tag wieder versuchen.

Ich bin froh, dass ich so viele gute und innige Freundschaften leben und pflegen darf. Auch und besonders aus meiner Zeit in Trier und in Madrid.

Ich bin froh, dass ich so viele Bücher lesen darf und kann.

Ich bin froh, dass ich ein Buch schreibe, dass mir schon jetzt so viel bedeutet.

Ich bin froh, dass mein Mann, meine Kinder und ich gesund sind.

Ich bin froh, dass meine Kinder bei mir sind und ich ganz nah miterleben darf, wie sie sind.

Ich bin froh, dass endlich der Frühling sichtbar wird und ich ihn genießen kann, weil ich Zugang zu guten Medikamenten gegen meinen Pollenallergie habe.

Ich bin froh, dass ich schon oft für meine Werte und meine Überzeugungen eingestanden bin.

Ich bin froh, dass ich lebe.

Ich denke nur kurz darüber nach, wie viel Platz ich Reue in meinem Leben einräumen möchte.

Zurückblickend bin ich reuevoll gewesen. Habe es mir damit auch schwer gemacht. Schwer an dem Vergangenen getragen und immer neue Stationen eingebaut, weil ich mich an anderen orientiert habe, statt auf meine Kräfte und eigenen Wünsche zu schauen, oder diese eben auch erst aufzubauen.

Ich habe Menschen in meinem Leben zu viel Raum gegeben, die mir nicht gut getan haben. Von denen ich genau wusste, dass sie mir nicht gut tuen. Statt zu gehen, habe ich sie verändern wollen. Oder mich.

Ich habe aber auch ein Bewusstsein für all das aufbauen können. Und das ist mir viel wichtiger, als all das was ich im Auge des Betrachters falsch gemacht haben könnte.

Ich glaube, dass ein ich nicht nur EIN ich ist. Ich stamme aus Familien, die viel Ohnmacht in der eigenen Lebensgestaltung erfahren habe. Trage Trauma aus Kriegen und bekriegt werden in mir. Es gibt Menschen in meinen Familien, die viel Gewalt erleben mussten, oder erniedrigt wurden.

Und ich bin ein Kind, dass im weißen Patriachat erzogen wurde.

Ich glaube, dass damit noch lange nicht die Liste der Überschriften meines Lebens und meiner Familien auserzählt ist, die die Grausamkeiten, die sich tatsächlich dahinter verbergen, ertragbar machen. Die Geschichten von Menschen, die über Gene und Erziehungsstile, über Orte und die simple Wahl der Nahrung Teil meiner Geschichte, meines Körpers sind.

Ich glaube die Intention hinter dieser Aufgabe zu verstehen. Reue kann auch etwas zu einnehmendes haben, dass uns das Hier und Jetzt nicht leben lässt und zu nur noch mehr Reue führt.

Reue hat mich mich mich besser kennenlernen lassen. Genau wie Neid, dass ich oft in Momenten von Ungerechtigkeit und der Normalisierung von Ungerechtigkeiten gespürt habe. Früher fand ich diese Gefühle ein Zeichen von meiner eigenen Schwäche. Dabei sind sie Zeichen von Grenzen, die überschritten werden oder wurden. Von mir oder von anderen. Sie zu spüren, hat mich viel über meine Grenzen, physisch und psychisch, erklärt und eingeordnet.

Und wenn viel Reue in meinem Leben war, dann weiß ich jetzt, dass dieses Gefühl eine Funktion hat. Ich kann Reue weder aktiv Platz einräumen, noch es aussperren. Es ist da und ich kann es annehmen und mich fragen: warum ist es gerade jetzt da? Warum bereue ich gerade etwas?

Es ist ein Werkzeug, dass sich speist aus all dem was ich in mir trage, all die Menschen, die ich in mir trage, all die Erfahrungen, die ich in mir trage.

Und Reue ermöglicht mir auch, mir Gewohnheiten bewusst zu machen, die Hindernisse sind. Hindernisse, die ich vielleicht gar nicht nehmen muss, oder Steine in einem Rucksack, die ich aus diesem Rucksack nehmen kann. Ablegen kann. Zurücklassen kann.

Und vielleicht, vielleicht…. wird dann der Weg meiner Kinder weniger Hindernisse haben, und ihr Rucksack leichter. Und das ist das einzige, dass ich wirklich als Mutter erreichen möchte.

Aktiv: Schreibe über Verzweiflung

Heute ist der Arbeitsauftrag,  über die Dinge zu schreiben, die mich aktuell am meisten verzweifeln lassen. Auch hier realisiere ich am Ende, als ich den Stift wieder neben das Blatt lege und kurz über den Arbeitsauftrag und dann noch einmal über meinen Text schaue: Thema verfehlt.

Macht aber nichts, denn ich habe Jahre der Verzweiflung hinter mir. Ich denke, es ist ein gutes Zeichen, dass sich der heutige Text wie folgt ließt. Was denkt ihr?

Heute soll ich Über Verzweiflung schreiben, den ich für die Welt empfinde. Während ich darüber nachdenke, woran ich eigentlich alles verzweifeln kann, das in der Welt geschieht, blicke ich auf unsere erwachende, alte Kastanie. Bis eine kleine Fliege an der großen Fensterfront immer wieder durch meinen Blick surrt. Wer mich kennt, die oder der hat mich vermutlich schon einmal beobachtet, wie ich das eine oder andere Insekt, das sich in unsere Küche verflogen hat, in einem Glas fange, um es dann auf unseren Balkon zu bringen. Fliegen oder krabbeln lasse.

Gerade im Winter hätte diese Fliege vermutlich nicht mehr viel Zeit, um draußen die Umwelt zu erkunden. Aber wer bin ich zu urteilen oder Ableitungen aus meinen Vermutungen über seine Fähigkeiten zu Entscheidungsanweisungen über ihr oder sein Leben zu fällen?

Die Fliege lebt. Es ist nicht an mir, sie entweder in unserer Wohnung langsam, aber sicher, verhungern zu lassen, noch sie einfach mit der nächst besten Zeitung tot zu schlagen. Eine Fliegenklatsche besitzen wir nicht. Im Gegensatz zu meiner Kindheit, in der wir an vielen Tagen mehrere hundert Fliegen und Brummer im Haus meiner Eltern ertragen mussten, kann ich die Fliegen in unserer Wohnung, in der meine Kinder ihre Kindheit verbringen, an zwei Händen abzählen – im Jahr.

Eine Fliege, die außerhalb der Wohnung fliegt, ist – aus meiner Sicht hier oben – zurück im großen, alten Kreislaufs des Lebens.

Ich stelle mir vor, wie ein Vogel, der in diesen mindestens sechsgeschossigen Riesen vor unserer Terrasse, überwintert, das kleine schwarze Fluginsekt noch im Startflug aus meiner Hand heraus mit seinem Schnabel schnappt und bevor es noch wirklich bemerkte was ihm geschieht,  langsam Teil des Vogels wird.

Oder der Kälteschock durch die kalte Luft im Freien, im Vergleich zur Wohnungstemperatur, lässt die Fliege schnell erfrieren und den Fall von vier Stockwerken nicht überleben.

Nun liegt sie da unten auf der braunen Erde zwischen Laub und kleinen Stöckern und ein schwarzer Käfer, der hier auf den Weg zu seinem Bau vorbei krabbelt, frisst sie auf. Er versteckt sich unter einem Blatt und bevor er sich eingräbt für den langen Schlaf, um den harschen Winter weit unter der Erde bei den Wurzeln des Baumes zu verbringen, lässt er noch einen kleinen Misthaufen hinter sich zurück. Ein Abschiedsgeschenk oder ein Willkommensgruß – je nach Perspektive. Auf diese kleinen Haufen fällt heuer der wenige Schnee des Jahres, friert den Haufen ein.

Ich bemerke von all dem nichts. Ich sitze oben im Warmen und schaue raus. Ich warte, sehne mich schon jetzt von den ersten kalten und dunklen Tagen weg. Fange an den Schlaf um mich mit tot sein zu verwechseln, so sehr zerrt das kalte, dunkle, machtlos ausgelieferte an mir.

Denn wenn die Nacht den Tag verschlingt werde auch ich müd‘ , ermatte und bin schon bald kraftlos. Erst noch aus der Erinnerung speisend wissend, dann nach und nach mit der letzten verbliebenen Hoffnung, blicke ich immer wieder, selbst im Dunkeln, prüfend das winterliche, hungernde Gerippe, ganz nackt so ohne Tracht und Kleidung, des Baumes vor mir, im Draußen und Kalten, an. Was sagst du mir heute, alte Dame?

Die Wochen ziehen vorbei und die alte Dame schläft.

Mit den ersten Frühlingsstrahlen taut Boden und mit ihm der kleine Haufen. Erinnerst du dich? Nun ist es Zeit und er gibt seine Nährstoffe an die Erde zurück und dort, wo jetzt ein neuer, kleiner, schwarzer Käfer seinen Weg nach oben gräbt, fließt bald das Tauwasser zur Wurzel meiner Gefährtin durch die dunklen Tage. Die langsam erwachende alte Dame saugt das Wasser in sich auf, pumpt das frische Kühl durch ihre inneren, uns verborgenen Adern. Wenn es ganz leise ist und ich mit einem Stethoskope an ihrem Stamm lausche, dann höre ich die wallenden Wellen senkrecht den Stamm bis hinauf in die kleinsten Zweige strömen.

Sie ernährt sich nun von den Resten der Fliege, um dann, nach ein zwei Wochen ersten Durstlöschens, mit erst weißen, vollen Knospen, den weichen runden Lippen eines Menschen nicht unähnlich, dann ihre rosa Blüten, mit jeden Tag mehr, dem Himmel und noch lebenden Insekten anbietend, entgegen streckt. Wer erspürt bei diesen Bild nicht die reinste Form von Erotik? Auch für uns Menschen ist es nun sichtbar: dies ist der Beginn von etwas Neuem.

Nun trotzen die Tage den Nächten ihre Sonnenenergie wieder ab. Minute für Minute, Tag für Tag. Erst zaghaft, dann mit der ganzen Kraft der Hoffnung. Gegen Ende März, trotz des langen sehnsüchtigen Wartens schier plötzlich, wie von einem Tag auf den anderen, sprießen die Blätter sprießen. Der Baum ist gänzlich aufgewacht. Streckt sich endgültig mit langen, tiefen Atemzügen aus seinen letzten Stunden Winterschlaf. Und mit ihm auch ich.

Erst sind es nur kurze Blattspitzen, dann große Blätter mit sieben abgerundeten Ecken, die mich anregen. Mich morgens glücklich und versunken auf die grüne Pracht hinauf und hinaus starren lassen.

Nun atme ich die Ausatmung des Baumes tief und tiefer bis in die letzten kleinen verästelten Bronchien meiner Lunge und Pore meiner Haut ein.

Ich schließe die Augen und denke: was für ein Abenteuer, was für eine Macht, was für eine Kraft, die diese kleine Fliege ermöglicht hat.

Das mache ich mir bewusst, während ich das Trinkglas über die Fliege stülpe, ein Blatt zwischen die Wand und die Ränder das Glas schiebe und die so gefangene Fliege, mit der anderen Hand die Tür zum Balkon öffnend, ins Freie lasse. Wer bin ich zu urteilen, was in dieser kleinen Fliege für eine Kraft verborgen ist. Und wer mich nicht kennt, erkennt mich: ich bin die Frau die auf dem Balkon steht und scheinbar ins Nichts starrend den Tag damit beginnt das Wunder um sich aufzunehmen.

In meinem Bauch

Den folgenden Text schreibe ich während meine Kinder beim Sport sind. Der Fahrt zur Turnhalle war ein giftiges Sein meiner Person vorausgegangen. Ich konnte mich danach selbst nicht leiden. Aber ich kann nicht verneinen, dass ich so ranzig mit meinen Kindern umgegangen bin, dass meine Tochter irgendwann geweint hat. Mit diesem Gefühl, dem Wissen, und mit meinem Sein habe ich mich dann in ein Café gesetzt und folgenden Text verfasst. Was denkt ihr?

Es ist wieder DIE Zeit des Monats.

Ich bin voller Aggressionen, meine Kinder und all die Lebendigkeit, die frechen Ausbrüche, die ich ihnen normalerweise bewusst lasse, die sie sich erhalten sollen damit sie auch in Zukunft laut, stark und sie selbst sein können, stoßen mich plötzlich an selbst laut und gar giftig zu werden, stoßen mich ab, ich kann sie nicht SEIN lassen.

Ich schnauze sie an. Ich weise sie ab. Ich weise sie zurecht. Ich halte ihnen ihre selbst vor. Halte ihnen vor, dass sie undankbar sind. Mich wie etwas behandeln, dass ja eh immer da ist, auf dass sie sich verlassen können, das es bleibt, auch wenn sie darauf herumtrampeln. Ein Danke sei schon zu viel für sie.

In mir tief drinnen, direkt neben meinen Magen ist ein schwarzer Nebel in ungefüllten, luftleeren roten Raum. Es ist ein Teil von mir, ein dunkles ich, wie die Nacht. Voller Ungeheuer, voller Unvorhersehbaren, tyrannisch. Es boxt und schlägt um sich, entkrampft sich, entwickelt Kraft.

In mir sind Kräfte, die frei sein wollen. Zurechtgestutzt von der patriarchalen Schere, während um mich herum glockenhell gesungen wird: Du bist ein Mädchen. Mädchen. Mädchen. Mädchen.

Mädchen, die Ergänzung zum Anderem, richtigem Mensch. Sei stolz auf dich. Du wirst gebraucht, du bist das was alles zusammenhält.

Mach dich klein, aber sei stark genug jemanden anderen zu tragen.

Sei klug, und klug genug, nicht aufzubegehren. Jemand anderes muss an dir Gefallen finden.

Das Glockenspiel der inneren Stimme verheddert, verkrampft, verknotet sich über die Jahre in dem einem Organ, das mich Leben zeugen lässt, mich aber auch innerlich an die Kette legt, unfrei, in jemanden anderen Leben eine Nebenrolle spielen lässt.

Dieses Organ, das andere ganz automatisch, quasi deterministisch auf mich zutreten lässt, mit einer Erwartung, allumfassend, ab dem ersten menschlichen Blick auf mich im Kreißsaal: ein Mädchen, eine spätere Mutter, eine spätere Großmutter, ein selbstloses, hübsch anzusehendes Zusatzgeschöpf, eine Ergänzung, eine Bedienung, ein Etwas, dass jemanden anderem seine Gefühle erträgt, aushält, erhält, hält.

Eine Vase, schön anzusehen als ergänzendes Dekor. Nutzlos schön. Aber ohne die Vase, wird es trotzdem noch Blumen geben.

Ein Etwas, das mit passiven Sätzen beschrieben werden kann. Ein Passiv.

Bis vor kurzem hatte ich oft schwere prämenstruelle Krämpfe, menstruale Krämpfe, oft fühlte ich mich danach tagelang selbst wie ein Krampf.

Diese Krämpfe sind weg, seit ich die oben beschriebenen Gedanken zulassen kann, die Gefühle, die diese Gedanken treiben, mit ihrer ganzen Wucht in meinem Körper fließen. Ich sie raushaue, rausschreie, rauslasse. Rausschreibe. In meiner Therapie zu einer Lebensansicht formuliere.

Wut spüre, die Unterwürfigkeit, die Unerträglichkeit auf meine Therapeutin übertragen habe.  Die Stunde selbst ist wie weggeflossen, ein schwarzer Strom aus nichts.

Das einzige Licht der Erinnerung das ich an die Übertragung habe ist, wie sie sagte: Es kann sein, dass ich Erwartungen an Sie hatte. Ich entschuldige mich.

Was für ein Moment.

Nicht ich allein war für meine Gefühle verantwortlich, ich spürte, ich merkte, dass diese wenigen Worte mich hielten. Sie gaben den Ausgang eines Tunnels frei, erleuchteten ihn. Gaben einen Schatz frei: Die Gewissheit, hier läuft etwas ab, und das tut dir nicht gut. Ist außerhalb deiner Kontrolle.

Und: Hier ist eine Grenze. Meine Grenze. Ich durfte diese Grenze spüren. In mir drinnen. Entdecken, mir anschauen und annehmen. Das ist also mein Körper, meine Außengrenzen, mein Bereich. Ein Schatz.

Hier könnte der Text zu Ende sein.

Aber was ich erlebte war eben nur in einem geschütztem Raum der Therapie mit einer anderen Frau.

Im Außen, im draußen, schützt mein Schatz mich nicht. Sondern meine Gefühle werden zurecht gestutzt, passend gemacht. Wie Geflügel wird mir noch im Kreißsaal mit der fremdbezeichnung Mädchen das Genick der Einzigartigen gebrochen, die Federn der Selbständigkeit gerupft, und dann das letzte noch verbliebene Federkleid an Individualität über einem Feuer der Gesellschaft abgesenkt.

Und während der Gestank von dieser mir angetanen Brutalität noch frisch in der Luft schwebt, ich weniger Mensch, nur noch ein fertiges Produkt bin, mehr Fleisch als Tier, fragt mich meine Schlächterin mit glockenheller Stimme: Du siehst aus wie Fleisch, du riechst wie Fleisch, du fühlst dich an wie Fleisch! Wie kannst du jetzt von mir erwarten dich nicht wie Fleisch zu behandeln?

Also werde ich wie ein Braten in den Ofen geschoben und danach gefressen.

Welcher Genuss, wie zart gerade die gestutzten Flügel sind, die fette Brust. Das beste an diesem Huhn, ganz weiß und gar rein.

Wie soll mensch mit mir Mitleid empfinden, wo ich doch so perfekt zum gedecktem Tisch passe?

All diese Bilder und Gedanken werden mit Hilfe der Hormone aus meinem Gehirn in meinen Körper geschossen. All die Möglichkeiten, die Potentiale, dich ich hätte erfliegen können. Von oben, vom Horizont aus, neugierig Richtung kommenden Tag fliegen. All das was ich hätte gestalten können, fühlen können. Aber es ist der Konjunktiv, in dem ich meine Worte in die Tastatur hacke. Denn ich bin nicht einmal der Hauptgang, nur einer unter vielen Gängen eines Familienfressens, eines sich Bedienens.

Und in meinem Kopf, höre ich die glockenhelle Stimme, die mich fragt, wie ich denn nicht sein könnte was ich bin, warum ich nicht zufrieden bin mit dem was ich bin?

Denn das sind sie doch: böse, undankbaren Gedanken. Die eben gefundenen Bilder, sie sind es doch, die mich unzufrieden machen? Würde ich sie doch nicht denken, dann wäre ich nicht unglücklich! Und wie Galle spucke ich den letzten Gedanken aus.

Auf meine Kinder. Spucke die Galle meines Lebens, die unterdrückten Gedanken,  infiziere damit meine Kinder, die mir ausgeliefert sind. Sie tragen nun auch den Virus der Unterdrückung mit sich. Denn sie sind mir ausgeliefert und ich kann Schlächterin sein.

Ich beschmiere ihre Seele mit dem Dreck meiner vergangenen Unzufriedenheit. Trage damit die Wehrlosigkeit, die Unterwerfung, das Unverständnis weiter. Trete auf ihnen ein, und verstetige so ihren Weg in die Zukunft. Und fühle mich schlecht dabei. Und eben das führt zu weiteren Frust über meine Unfähigkeit, der den inneren dunkelroten, undurchsichtigen Nebel in mir weiter Kraft gibt, ihn treten und schlagen lässt.

Dann endlich, spontan?, löst er sich und bahnt sich den Weg aus mir raus. Tropfen für Tropfen, gemeinsam mit Urin und Scheiße fließt er aus mir.

Zurück bleibt nur der innere Raum, ein Organ, das nutzlos einen neuen Zyklus erwartet, bevor es in seiner Ungeduld wieder verkrampft und den Raum damit erfüllt.

Ach wäre es nur ein Organ unter vielen, wie zwei Hoden, wie ein Penis: frei hängend im luftleeren Raum der Möglichkeiten.

Gedanken, die sich ergeben

Ich.

Ich bin.

Ich bin traurig.

Ich bin heute traurig.

Ich bin heute traurig im Café.

Ich bin heute traurig im Café, weil ich allein bin.

Ich bin heute und immer wieder traurig im Café, weil ich allein bin und zwar ganz tief.

Ich bin ganz tieftraurig, weil ich immer wieder alleine im Café bin.

Wir.

Wir reden.

Wir reden zu.

Wir reden zu wenig.

Wir reden zu wenig miteinander.

Wir reden zu wenig miteinander und hören.

Wir reden zu wenig miteinander und hören uns nicht.

Wir reden zu wenig miteinander und hören uns nicht zu.

Wir hören uns nicht zu und darum reden wir nicht miteinander.