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Wir leben in einer Gesellschaft, die sich selbst gern als Leistungsgesellschaft beschreibt. Leistung gilt als moralische Kategorie: Wer viel hat, hat viel geleistet. Wer wenig hat, hätte sich mehr anstrengen müssen. Diese Erzählung ist so vertraut, dass sie selten hinterfragt wird. Und doch erklärt sie erstaunlich wenig.

Schon früh habe ich gesehen, wie unterschiedlich Lebensrealitäten sind – nicht abstrakt, sondern konkret. Kinder, die morgens ihre jüngeren Geschwister versorgen, damit die Mutter nach der Nachtschicht schlafen kann. Kinder, die ohne Frühstück in der Schule sitzen, weil das Geld nicht reicht oder der Alltag zu erschöpfend ist. Und daneben Kinder, deren Stundenpläne von Nachhilfe, Sportkursen und Auslandsaufenthalten strukturiert werden, lange bevor sie selbst entscheiden können, was sie wollen.

Diese Unterschiede sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck dessen, was der Soziologe Pierre Bourdieu als soziales und kulturelles Kapital beschrieben hat. Wer in eine Familie geboren wird, die über Geld, Bildung, Netzwerke und Selbstverständlichkeit im Umgang mit Institutionen verfügt, startet nicht bei null. Er startet weiter vorne.

Das gilt nicht nur für materielle Dinge. Es gilt für Sprache, für Auftreten, für das Wissen, wie Systeme funktionieren – und wie man sie für sich nutzt. Wer weiß, wen man anruft. Wer weiß, wie man fragt. Wer weiß, dass man fragen darf.

In wohlhabenden Milieus wird dieses Wissen weitergegeben wie etwas ganz Natürliches. Beim Abendessen. Bei Gesprächen am Kamin. Bei gemeinsamen Urlaubsreisen. Es ist kein Geheimwissen, aber es ist auch nicht öffentlich. Und genau darin liegt seine Macht.

Die Erzählung von der Leistungsgesellschaft verdeckt diese Mechanismen. Sie individualisiert Erfolg und Scheitern. Sie macht aus strukturellen Vorteilen persönliche Verdienste – und aus strukturellen Nachteilen individuelles Versagen. Wer es nicht schafft, hat angeblich nicht genug geleistet. Dass andere mit einem Netz unter sich starten, bleibt unerwähnt.

Wir leben faktisch in einer Erbgesellschaft. Wir erben nicht nur Geld, Immobilien oder Firmenanteile. Wir erben Umgangsformen, Sicherheit, Kontakte, eine Vorstellung davon, dass die Welt uns grundsätzlich wohlgesonnen ist. Wir erben die Fähigkeit, uns in bestimmten Räumen selbstverständlich zu bewegen – und die Gewissheit, dort auch bleiben zu dürfen.

Diese Erbgesellschaft ist eng verbunden mit patriarchalen Strukturen. Eigentum, Macht und Einfluss werden historisch entlang männlicher Linien organisiert. Leistung wird nicht neutral bewertet, sondern immer im Kontext dessen, wer sie erbringt – und aus welcher Position heraus.

Besonders deutlich wird das, wenn wir über sogenannte Chancengleichheit sprechen. Kinder aus Familien mit wenig ökonomischem und sozialem Kapital leisten oft mehr, lange bevor sie erwachsen sind. Sie tragen Verantwortung, organisieren Alltag, sorgen für andere. Und doch wird diese Leistung kaum als solche anerkannt. Sie zählt nicht. Sie bringt keinen Vorsprung. Im Gegenteil: Sie erschöpft.

Gleichzeitig werden enorme Ressourcen investiert, um Vorteile zu sichern und auszubauen. Vermögen erzeugt weiteres Vermögen. Wer Immobilien besitzt, kann Kredite aufnehmen, um neue zu erwerben. Wer Zugang zu Medien hat, kann Debatten prägen – etwa darüber, warum Vermögen oder Erbschaften möglichst niedrig besteuert werden sollten. Die Interessen derjenigen, die viel haben, erscheinen so als allgemeines Interesse.

Dass Menschen mit hohem ökonomischem und sozialem Kapital überdurchschnittlich viele Ressourcen verbrauchen, wird dabei selten thematisiert. Mehr Reisen, größere Wohnflächen, höherer Energieverbrauch – all das bleibt im Schatten der Erzählung von individueller Freiheit und verdientem Wohlstand.

Der Kapitalismus ist keine Naturgewalt. Er ist eine tägliche Praxis. Er lebt davon, dass seine Grundannahmen nicht infrage gestellt werden. Davon, dass wir glauben, es könne gar nicht anders sein. Und davon, dass diejenigen, die am meisten von ihm profitieren, ihn als neutral darstellen.

Ein guter Indikator dafür, dass etwas nicht stimmt, ist Neid. Neid gilt als moralisch verwerflich. Dabei ist er oft ein Hinweis auf empfundene Ungerechtigkeit. Auf ein Gefühl, dass Maßstäbe nicht fair sind. Dass Vergleiche verzerrt sind. Dass etwas schief läuft.

Was wir häufig als individuelles Scheitern lesen, ist in Wahrheit ein Machtsystem. Eines, das von Geburt an wirkt. Das bestimmt, wie viel Raum jemand einnehmen darf, wie viel Sicherheit ihm zusteht – und wie glaubwürdig seine Erfahrungen gelten.

Wer hat, dem wird gegeben.
Das ist kein moralischer Satz.
Es ist eine nüchterne Beschreibung unserer Realität.

Und genau deshalb muss sie erzählt werden.

Aufschreiben ist ein Ort für Texte über Wahrnehmung, Gewalt, Sprache und gesellschaftliche Strukturen.
Ich veröffentliche hier Essays und Arbeitsfassungen, die später in andere Formen einfließen können.