Am Wochenende habe ich mich spontan entschieden, an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen. Die Aufgabe: 25 Seiten Textprobe, ein zweiseitiges Dossier zu einem unfertigen Roman, ein Lebenslauf. Abgabe: Montag, 18 Uhr.
Die größte Herausforderung war nicht der Zeitdruck. Es war die Frage, die sich mir plötzlich stellte: Worüber schreibe ich eigentlich?
Ich habe herumgedruckst. Ich hatte Angst, zu politisch zu werden. Und wenn politisch, dann vielleicht nicht so, wie es von den Bewertenden geteilt wird. Kurz zuvor hatte mir eine alte Freundin geschrieben. Wir haben seit Jahren kaum Kontakt. Sie liest diesen Blog. Sie mag ihn. Und sie fragte – vorsichtig, tastend –, ob es mir gut gehe.
Ich glaube, ihre Frage und mein Unbehagen, klar zu formulieren, was ich mit all diesen Texten eigentlich mache, laufen auf dasselbe hinaus.
Ein Gefühl ohne Sprache
Mit sieben Jahren hatte ich eine Freundin in meiner Klasse – und ein Gefühl.
Mit elf Jahren hatte ich eine Freundin in meiner Klasse – und ein Gefühl.
Mit zwölf Jahren hatte ich eine Freundin in meiner Klasse – und ein Gefühl.
Aber ich hatte keine Worte für dieses Gefühl.
Kann ich beweisen, dass der Vater der Siebenjährigen sie nicht nur „am ganzen Körper gekitzelt“ hat, „weil sie als erwachsene Frau ja nicht mehr kitzelig sein dürfe“?
Kann ich beweisen, dass die Elfjährige jeden Tag rohes Mett mit Zwiebeln gegessen hat, damit sie aus Mund und Poren stinkt, wenn ihr Stiefvater nachts zu ihr ins Bett steigt?
Warum ließ sich die Zwölfjährige jahrelang herablassend behandeln – und präsentiert heute ihren Körper auf Instagram, um die Ferienwohnungen ihres Ehemannes zu bewerben?
Über die Jahre blieb dieses Gefühl. Es zeigte sich in Schnitten auf Armen, in zu großen Pullovern, in schmalen Schultern, in Augenringen. Ich habe das gesehen. Aber ich hatte keine Sprache dafür.
Niemand stellte Fragen. Niemand hörte zu. Stattdessen sagten wir – auch ich –, sie suche „nur Aufmerksamkeit“. Dabei suchte sie etwas anderes: Beziehung. Auf die einzige Weise, die sie kannte – über den eigenen Körper.
Wenn Wissen nicht reicht
Mit 21 sitzt mir in einem Regionalzug ein Mann gegenüber, der seinen Hosenknopf öffnet und sich masturbiert. Ich verlasse das Abteil. Als ich meiner Mutter davon erzähle, sagt sie: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“
Jahre später bedroht mich ein Mann in einem vollen Zug, weil ich einen Lolli lutsche. Niemand hilft. Ich bitte mehrmals darum. Bei der Ankunft falle ich meiner Freundin in die Arme. Sie zuckt mit den Schultern.
Ich habe jetzt Worte für meine Gefühle. Sie heißen Angst. Und Scham.
Wir wissen, dass solche Dinge passieren. Wir kennen Statistiken. Podcasts. Hashtags. Wir wissen, dass in Deutschland alle drei Tage eine Frau von einem männlichen Angehörigen oder Ex-Partner getötet wird. Dass 2023 über 12.000 schwere sexuelle Übergriffe angezeigt wurden.
Aber dieses Wissen bleibt abstrakt. Es passiert „anderen“. Woanders. In anderen Milieus. Nicht bei uns. Nicht in unserer Straße. Nicht in unserer Familie.
Schreiben als Gegenbewegung
Ich schreibe, um ein Gespräch zu beginnen.
Ich lese, um Fragen beantwortet zu bekommen, die ich mir selbst nicht stellen konnte.
Schreiben heißt für mich:
das, was ich gesehen habe, nicht länger wegzuschieben.
Details auszuhalten.
Benennen, was mir beigebracht wurde nicht zu sehen.
Ich schreibe nicht, um mich zu entlasten, sondern um Zusammenhänge sichtbar zu machen. Um mein Erleben von mir zu trennen. Um es mit Sprache zu versorgen.
Dabei halte ich Angst aus. Ich überdecke sie nicht mehr mit der Scham anderer. Angst ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Hinweis. Sie zeigt an, dass etwas nicht stimmt.
Warum das politisch ist
Dass so viele Mädchen, Frauen und Kinder keine Worte für Gewalt haben, ist kein individuelles Versagen. Es ist ein strukturelles.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Macht, Kapital und Zugehörigkeit vererbt werden. In der soziale Nähe, Netzwerke und Schutz ungleich verteilt sind. In der bestimmte Körper, Stimmen und Erfahrungen mehr zählen als andere.
Was wir oft „Einzelfälle“ nennen, ist ein System.
Was wir als „Gefühl“ abtun, ist Erfahrung.
Und was uns sprachlos macht, ist selten zufällig.
Ich schreibe, um diese Sprachlosigkeit zu unterbrechen.
Nicht, weil ich Antworten habe.
Sondern weil ich glaube, dass Hinschauen, Benennen und Erzählen eine Voraussetzung dafür sind, dass sich etwas verändert.
Aufschreiben ist ein Ort für Texte über Wahrnehmung, Gewalt, Sprache und gesellschaftliche Strukturen.
Ich veröffentliche hier Essays und Arbeitsfassungen, die aus persönlicher Erfahrung heraus entstehen und politisch gelesen werden wollen.