Ausführung II: Warum ich schreibe

Ich gehe Kindern in den Kindergarten, deren Eltern Arbeitslosengeld bekommen. Sie leben in mehrstöckigen Gebäuden, in kleinen Wohnung, in dunklen Zimmern, die vom Amt gezahlt werden. Ihre Eltern trinken Bier aus Dosen auf denen 50% Sonderangebotssticker kleben und setzten ihre Kinder morgens vor den Fernseher.

Ich gehe mit Kindern zur Schule, deren Eltern in dritter Generation eine Firma führen. Sie leben in Häusern, deren Grundriss einen Swimmingpool, eine Sauna und ein Gartenhaus mit Gästewohnung beinhaltet. Die Fenster sind bodentief, die Sonne erhellt die Zimmer selbst im Winter. Die Eltern trinken Rotwein mit Flaschen auf den Jahreszahlen gedruckt sind, in denen die Kinder geboren sind. Sie essen zweimal täglich ein warmes Essen, während die Hausangestellte die Küche aufräumt. Ihre Haushälterin ist „ihnen wie eine Freundin“ und während ihre eigenen Kinder alleine zur Schule gehen, fragt sie die Kinder ihrer Arbeitgeber morgens die Vokabeln ab.

Pierre Bourdieu, ein bekannter Soziologe aus Frankreich, hat diese sozialen Unterschiede, die meine Schulkamerad:innen und ich erlebten, Unterschiede in unserem sozialen Kapitel genannt. Je höher der sozioökonomische Status, je höher das Bildungsniveau der Eltern, desto höher das soziale Kapital. Die Höhe des soziales Kapital steht in Relation zum ökonomischen Kapital.

Oder anders: Wenn ein Vater abends bei teuren Rotwein mit anderen reichen Menschen bei Kamingesprächen zusammensitzt, deine Mutter bei einer überregionalen Zeitung arbeitet und dort regelmäßig mit Redakteur:innen zu Mittag isst oder zur Happy Hour geht, ist die Chance dieser Kinder wesentlich höher in der Firma des Freundes deines Vaters oder in der Redaktion der Kolleg:in deiner Mutter ein Praktikum zu machen. Die Chancen dabei sinnvolle Aufgaben und Verantwortung übertragen zu bekommen, sprich etwas relevantes für das Studium zu lernen, oder dich sogar aufgrund von Leistung für eine Anschlussbeschäftigung zu empfehlen, sind sehr viel höher, als ein Kind, deren Eltern auf dem Bau, als Altenpflegerin, oder in der Bäckerei arbeiten und abends zu müde zum netzwerken sind, bzw. kein Geld haben, um auswärts zu essen.

Wir leben in einer Erbgesellschaft. Wir erben von unseren Eltern nicht nur ökonomisches Kapitel, Immobilien, in Form von Ferienhäusern, Geld für Wohnungen oder schlicht Geld auf der Bank. Wir erben auch Umgangsformen, eine Art uns anzuziehen, oder unsere Kinder an- und zuerziehen. Wolle und Seide in beige und rosa, statt pink in Leuchtfarben auf Plastik. Wir lernen, zu bestimmten Markenprodukten im Supermarkt zu greifen, weil „der Käse einfach anders schmeckt“, obwohl der von gut und günstig daneben, nur eine Überproduktion des gleichen Herstellers ist. Aber das wissen wir nicht, weil wie ihn nicht kaufen müssen.

Wir ziehen in eine bestimmte Gegend, in der wir uns vorstellen können unsere Kinder aufwachsen zu sehen. Das denke wir. Aber was wir sehen ist: die Privatschule ist in laufnähe. Unsere Nachbarn in dieser Gegend tragen zufällig die gleichen Marken wie wir, kennen die gleichen Strände und Ski-Orte. Wir können es uns leisten, zu denken, dass dies nur ein schöner Zufall ist. Diese Übereinstimmungen vermitteln uns ein Gefühle des Kennens, des Daheim seins, des Vertrauens. Wir müssen uns über nichts wundern, denn es ist ein Code, den wir sprechen, den wir leben.

Und während du das ließt, fühlst du dich an der falschen Stele getroffen, denn: Was ist bitte falsch damit, dass wir uns wohl fühlen wollen? Das beste wollen für unsere Kinder?!

Ist es das beste für unsere Kinder, soziales Kapital und ökonomisches Kapital innerhalb weniger Familien zu verstetigen? Und nicht nur zu verstetigen, sondern bei Rotwein am Kamin werden eben auch Anlagetipps ausgetauscht, um unser Familienvermögen zu vergrößern. Wer Immobilien besitzt, hat die Möglichkeit auf Basis dieser Kredite für weitere Immobilien aufzunehmen. Und wer Zugang zu Redaktionen hat, kann darüber schreiben, warum es es gerecht sei, Vermögen oder Erbe nicht zu hoch zu besteuern. In der Bibel steht: wer hat, dem wird gegeben. Mit Bourdieu: Wer Vermögen hat, hat Zugang zu sozialen Kapitel, zu Menschen, die sicherstellen können, dass das Vermögen sicher vor staatlichen Zugriffen bleibt.

Nebenbei verbrauchen Menschen mit höherem ökonomischen und sozialen Kapital mehr natürliche und gesellschaftliche Ressourcen. Wer mehr in den Urlaub fliegt, stößt mehr CO2 aus; wer einen SUV fährt, fährt mehr auf unseren Autobahnen, oder reist insgesamt mehr, als jemand, der kein Auto hat, oder Urlaubsgeld anspart, um einmal im Jahr nach Mallorca zu fliegen, oder auch nur mit dem Zelt an die Ostsee. Polemisch formuliert: die einen brauchen den Flughafen für ihre Privatjets, die anderen um einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Menschen mit Geld, Beziehungen und materiellem Wohlstand berufen sich auf eine vermeintliche Leistungsgesellschaft. Sie definieren diesen Begriff für sich. Denn: Sie wachsen ohne Bezug zu Leistung auf. 

Ich habe Kinder mit mir aufwachsen sehen, die vor der Schule schon ihre Geschwister versorgt haben, die Wohnung geputzt haben, alles nur, damit die Mutter nach der Nachtschicht ohne Schuldgefühle schlafen kann. Eine Schulkollegin hat mit Männern in deren Autos Sex gehabt, damit sie nicht nach Hause zu ihrem saufenden Vater muss. Ich hatte Mitschülerinnen in meinem Jahrgang, die die Reclamhefte nicht bezahlen konnten. Die saßen neben denen, die nach der Schule jeden Tag Mathenachhilfe bekamen, in großen Nachhilfeschulen mit angesammelte, kopierten Klausuren, die bis zu 10 Jahre zurück reichten. Trotzdem reichte das Abitur nicht, für einen Medizinstudiumsplatz, aber dafür das familiäre Geld für eine Privat-Hochschule im Ausland. Wer Zugang zu Geld hat, bescheißt nicht, indem er sich Notizen auf sein Lineal macht, oder Zettel in die Hosentasche steckt. Und er braucht sich dafür auch nicht zu schämen, schließlich investieren die Eltern ja das Geld in ihre Ausbildung.

Menschen, die Macht und Geld haben, sagen Sätze wie: es ist nicht mein Geld. Es ist das meiner Eltern. Das Leben ist nicht fair.

Nur stimmt das nicht. Ja, es gibt Ereignisse, Krankheiten, Unfälle, die Menschen treffen, die es nicht verdient haben. Es gibt Dinge in all unser Leben, die wir nicht beeinflussen können.

Aber: Der Kapitalismus ist eine Entscheidung, die wir alle jeden Tag treffen. Und umso mehr wir Zugang zu Geld haben, umso mehr bestimmen wir, wie dieser Kapitalismus aussieht.

Der Kapitalismus ist qua Definition, qua Wortstamm auf den Wohlstand einiger wenige Kapitalisten (und in vergleichsweise geringer Anzahl Kapitalistinnen) ausgerichtet. Inhärent ist dem Kapitalismus die Idee von der Erbschaftsgesellschaft und dem Patriachat. Beides entstammt historisch der Idee, Eigentum um eine männlich geführte Familie zu organisieren

Leistung wird im Kapitalismus nicht belohnt, sondern die genetische/ ius sanguinis oder zumindest rechtliche Zugehörigkeit zu einer definierten männlichen Herkunftsfamilie. Die Idee der Leistungsgesellschaft im Kapitalismus ist de facto die erfolgreich internalisierte Idee der Nicht-Kapitalisten durch ein geringfügiges Anreizsystem beständig zu akzeptieren, sich unterlegen zu fühlen. Das System ist erschöpfend, für die Nicht-Kapitalisten, da sie keine Macht haben. Nicht über den Wert ihrer Zeit, ihrer Arbeit, ihr Leben. Wer sie sind, wie viel sie wert sind, wird beständig von Außen festgelegt. Die herrschende Meinung ist die Meinung der Herrschenden.

Der Schulkollegin, die die Geschwister betreut und die Wohnung aufgeräumt hat, bevor die Mutter heimkam, war in der Schule zu müde um aufzupassen, sie hatte kein Geld für Nachhilfe, und natürlich machte sie ein schlechteres Abitur als der Arztsohn. Aber bestimmt nicht, weil sie sich weniger angestrengt hat, oder weniger intelligent war. Das Mädchen, das im Auto Sex mit fremden Männer hatte, war keine Schlampe, sondern ein Mädchen, dass den Willen hatte zu überleben, trotz all der Verletzungen. Auch sie hat ihr Abitur geschafft. Ganz allein. Beide Mädchen hatten schon mehr erledigt, geschafft, geleistet als die meisten anderen an unserer Schule, bevor sie überhaupt einen Schritt in die Schule morgens gesetzt haben.

Um zu erkennen, wo der Kapitalismus schief läuft gibt es einen ziemlich guten Indikator: Neid. Neid hat einen schlechten Ruf (vgl. oben Meinung der Herrschenden). Das sollte er nicht haben. Denn Neid zeigt uns an, dass etwas falsch läuft, dass es eine Verletzung gibt. Eine Verletzung eines sehr menschlichen, wenn nicht dem wichtigsten menschlichen Gefühl: Gerechtigkeit.

Ausdrücken tut sich das über Zeit in Diskriminierung. Wir kennen es alle im Alltag, als ausführende und empfangende. Die, die es spüren, spüren es oft nur wie kleine, kaum zu registrierende Pieckse, die über Dauer krank machen. Die Generation Z nennen es Rassismus, Sexismus, Mysogenie, Ableiusm, Klassismus – der klassische Fall den Bourdieu beschrieb, und der im Kapitalismus am besten in uns übergegangen ist. Wir drücken das situativ aus mit: So ist es eben./ Da kann man nichts machen./ oder: ich habe mich so ohnmächtig gefühlt. Ohne Macht.

Was Bourdieu nett mit den Worten Kapital beschrieben hat, ist schlicht ein Machtsystem. Wir atmen es jeden Tag , wir agieren jeden Tag darin. Es beginnt mit unserer Geburtsort, und hört auf damit, ob wir uns eine Beerdigung leisten können. Angeblich gibt es mehr Menschen, die sich den Weltuntergang durch die Klimakrise vorstellen können, als ein Ende des Kapitalismus. So sehr ist es Teil von uns.

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Sophia Sandmann

schreiben, um Gedanken nicht mehr mit mir herum zu tragen

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