Am Wochenende habe ich mich spontan entschlossen an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen. Die Aufgabe war 25 Seiten Textprobe, ein 2-3 seitiges Dossier zu meinem (unfertigen) Roman und einen Lebenslauf zu mir. Abgabe Montag, 18Uhr. Die größte Herausforderung für mich war, dass ich in weniger als 48 Stunden aufschreiben musste, worüber ich eigentlich schreibe. Ich habe herum gedruckst, hatte Angst, dass ich zu politisch werde, und wenn politisch, vielleicht nicht so, wie es von den bewertenden Personen geteilt wird. Zudem bekam ich kurz zuvor eine SMS von einer alten Freundin. Wir haben seit Jahren kaum Kontakt. Sie ließt diesen Blog und mag ihn auch. Gleichzeitig hat sie mich auch, herumdrucksend, gefragt, ob es mir gut geht. Ich kann nur erahnen, warum sie das fragt, aber ich glaube ihre Frage und mein Unwohlsein klar zu formulieren, was ich mit all den schon geschriebenen Texten und mit den kommenden aufschreiben möchte, läuft auf folgendes hinaus. Ich freue mich über Feedback von Euch.
Mit 7 Jahren hatte ich eine Freundin in meiner Klasse – und ein Gefühl. Mit 11 Jahren hatte ich eine Freundin in meiner Klasse – und ein Gefühl. Mit 12 Jahren hatte ich eine Freundin in meiner Klasse – und ein Gefühl. Aber ich hatte keine Worte für das Gefühl.
Kann ich beweisen, dass der Vater der siebenjährigen, sie nicht nur „am ganzen Körper“ gekitzelt hat, „weil sie als erwachsene Frau nicht mehr kitzelig sein dürfe“? Kann ich beweisen, dass die elfjährige jeden Tag aus Selbstschutz frischgehacktes Mett mit rohen Zwiebeln gegessen hat, damit sie aus Mund und Poren stinkt, wenn ihr Stiefvater nachts zu ihr ins Bett steigt? Warum hat die zwölfjährige sich acht Jahre lang herablassend und verachtend von ihrem ersten Freund behandeln lassen, und posiert jetzt fast nackt auf Instagram, um die Ferienwohnungen ihres Ehemannes zu bewerben?
Über die Klassenstufen hinweg blieb das Gefühl, dass sich ab der Pubertät mit Schnitten in ihren Armen ausdrückte; In Pullis, die ihre spitzen Schultern versteckten; Hosen, die sie notdürftig mit Gürteln auf ihren knochigen Hüften hielten und Ringen unter den verschlafenen Augen. Ich habe das gesehen, aber ich hatte keine Worte für das was ich sehe. Ihr Selbstverletzendes Verhalten schwächt sie, ihren Körper, ohne ihn zu töten. Niemand hört zu, stellt Fragen, fragt nach, hat Mitgefühl. Ich nicht, ihre Tischnachbarin nicht, die Klassenlehrer:in nicht, die Nachbar nicht. Stattdessen beschuldigen wir sie und beschwichtigen uns, dass sie „nur Aufmerksamkeit suchen.“ Dabei suchen sie eine Beziehung aufzubauen zu uns, auf die einzige Art und Weise die sie kennen, durch die Verletzung ihres Ichs, ihres Körpers…
Mit 21 Jahren sitze ich in einem Regionalzug der Deutschen Bahn und der Mann mit gegenüber löst seinen Hosenknopf, zieht den Hosenstall runter, seinen Penis raus und holt sich einen runter. Ich verlasse das Abteil. Als ich meiner Mutter am Bahnhof davon erzähle, sagt sie: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Ein paar Jahre später sitze ich in einem vollen Regionalzug nach Kiel und lutsche einen Lolli. Mir sitzt ein Mann gegenüber, der mich daraufhin deutlich und laut als Hure beschimpft und dass ich, „wenn du nicht aufhörst, selbst schuld bist, wenn ich dich gleich ficken muss.“ Auf 106 Plätzen im Großraumabteil sitzt nicht eine Person, die hilft. Ich bitte mehrmals darum. Ich habe ein Gefühl und weiß jetzt, dass es Angst ist. Bei der Ankunft in Kiel, falle ich meiner Freundin in den Arm. Als ich mit ihr erzähle, was ich erlebt habe, zuckt sie mit den Schulten. Ich habe ein Gefühl, es heißt Scham.
Wir wissen alle, das es passiert – über Statistiken, Berichte in Podcasts wie „Verbrechen“, ab und an ein Bericht in den Zeitungen. Wir wissen, dass in Film, Fernsehen und vielleicht sogar in der Politik über #metoo gesprochen wird. Wir wissen, dass alle drei Tage in Deutschland eine Frau von einem männlichen Familienmitglied oder einem Ex-Partner umgebracht wird. Wir wissen, dass in Deutschland 2023 12.300 Vergewaltigungen oder sexuelle Übergriffe in besonders schweren Fällen von Männern auf Frauen passieren. Aber das passiert auf Twitter, spotify, in Berichten der Allgemeine Zeitung, sind Zahlen in Statistiken.
Wir wissen nicht, wie haben nicht verinnerlicht, wir haben keine Worte dafür, dass es meine Nachbarin ist, das Mädchen das im Matheunterricht neben mir sitzt, oder das Kind auf der Schaukel in unserer Gated Community. Oder halt auch ich.
Es passiert anderen, die ich nicht kenne. Wo anders, wo ich nicht lebe. In anderen Milieus, in anderen Stadtvierteln, wo ich zum Glück nicht lebe. Sowas passiert nicht bei uns, bei mir auf dem Dorf, in der Vorstadt, nicht bei uns in der Straße, nicht in unserem Haus. Nicht in unserer Familie. Das wissen wir. Das haben wir verinnerlicht.
Ich schreibe, genau wie ich lese, um ein Gespräch anzufangen. Die Autor:innen, die ich lese, beantworten Fragen, die ich mir stelle. Ich lerne Zugang zu meinen Beobachtungen und Erlebnissen zu bekommen. Sie mit meinen erwachsenen Fähigkeiten sichtbar zu machen: zu fühlen, zu benennen, einzuordnen. Von mir als Individuum zu trennen. Mein Erleben mit Sprache zu versorgen.
Ich lese genau wie ich schreibe: mit Bildern. Beschreibe das, was aus der Position, in der ich stehe, als Kind stehe, sichtbar ist. Ich mache mir das, was ich immer gesehen habe, zugänglich. Ich zerreiße, den Auftrag an mich, indem ich die Details aufschreibe. Nenne konkret das, was mir beigebracht wurde nicht zu sehen, wir mir beigebracht wurde wegzuschauen, oder zu tun, als sei es nicht. Das System, die Muster, erschaffen sich in diesen Details. Ich befreie mich von dem, was ich nie lernen wollte, indem ich jetzt ehrlich erzähle, berichte.
Ich halte die Angst aus, die damit einhergeht. Ich bedecke sie nicht mehr mit der Scham anderer. Angst ist wichtig für mich, sie zeigt mir an, dass Gefahr droht.
——– Fortsetzung folgt—–
