Heute soll ich einem Gegenstand schreiben. Ich bin gespannt, was dabei aus mir herausfließt. Wir sind unterwegs ins Osterfest, und ich schreibe aus ausnahmsweise direkt am Handy in der App. Kein korrigieren der Zwischenschritt.
Vor zwei Tagen habe ich an unserem Spielplatz die Büsche beschnitten und uns daraus wunderschöne Sträuße erstellt. Gemeinsam mit meiner Tochter habe ich damit die Wohnung geschmückt, dabei sind wir fast eine ganze Woche nicht da.
Sie haben gerade ihre Fühler Richtung der wärmenden Sonne ausgestreckt, ihre betörenden Duftstoffe haben die ersten wachen Bienen angelockt. Mich angelockt, genau wie das pralle gelb der Blüten. In meiner Gier nach Beständigkeit dieser Schönheit, habe ich mit meiner scharfen Gartenschere, bevor sie den Sommer richtig genießen konnten, die Äste von ihrem restlichen Laib getrennt. Wortwörtlich abgeschnitten.
Ich fühle mich egoistisch. Welche Biene, welche Mücke, welche Hummel hätte sich an ihnen, am köstlichem Nektar, ihren Hunger stillen können? Vielleicht hätten sie im Herbst Samen mit der Kraft der ersten stürmischen Gewitter hunderte Kilometer weit verschickt. Und nun stehen sie mit anderen Stilen in dieser Wohnung, umgeben von Holz aus gefällten Bäumen, Büchern aus gefällten Bäumen, Stoffen aus Wolle von gezüchteten Bäumen… Während ich aus dieser Perspektive denke, sehe ich meine Wohnung wie einem Friedhof aus Naturressourcen, in dem sich die stile nun einreihen. Sie können nicht fliehen, und selbst wenn sie auf ihre Art schreien, um Hilfe bitten, leiden, habe ich nicht die Fähigkeit sie zu hören. Wie bequem.
Ich bin überzeugt, dass Pflanzen etwas empfinden. Ähnlich wie wir Tiere das tun. Nur weil wir etwas nicht verstehen, oder es uns nur schwer oder gar nicht vorstellen können, heißt das nicht, dass etwas nicht sein kann. Es erscheint mir folgerichtig, dass nach Millionen von Jahren, es gibt Pflanzen und Pilze viel länger als Tiere, diese miteinander in Verbindung stehen, sich aufeinander beziehen, mit einander sind.
Ich bin damit aufgewachsen, dass Tiere wie Maschinen funktionieren und Pflanzen da sind, um diese Maschinen zu ernähren. Vielleicht fällt es mir deswegen weiterhin so leicht, pflanzen als Gegenstände zu sehen und sie gedankenlos abzuschneiden.
Ich möchte, dass die stile Wurzeln schlagen. Dass ich sie damn auspflanzen werde. Dass ich ihnen nich wehtun will. Ich schreibe das, und muss am den Satz denken: gut gemeint ist nicht gut gemacht. Was ändert meine Hoffnung, meine guter Wille daran, was gut für die Pflanze ist…
Sofort springen alle Abwehrmechanismen in mir an: jedem Tag werden so und so viel Hektar Wald gefällt, ich hingegen habe nur ein paar Zweige geschnitten. Ich habe schon so viel für Bäume getan… Verleugnen, Rationalisierung, Verschiebung, Idealisierung… Ich kann bequem in alle diese Verhaltensweisen springen.
Meine liebe Pflanzen,.. ich habe es nicht besser gewusst. Es tut mir leid.
