Meine gestrige Aufgabe bestand darin, mir darüber Gedanken zu machen, was ich bereue bzw. was mich froh macht, dass ich es getan habe. Entsprechend habe ich fünf Minuten damit verbracht Sätze mit „Ich wünschte, ich hätte…“ und dann weitere fünf Minuten Sätze aufzuschreiben, die mit „ich bin froh, dass…“ . Letztlich sinnierte ich dann 10 Minuten darüber nach, ob und welchen Platz ich Reue in meinem Leben einräumen möchte.
Bereust du etwas in deinem Leben? Was ist das und magst du es mit mir teilen? Vielleicht inspiriert es mich für den nächsten Beitrag. Ich freue mich über deinen Kommentar!
Ich wünschte, ich hätte in meinem Leben immer und durchgängig Tagebuch geschrieben.
Ich wünschte, ich hätte früher eine Therapie begonnen.
Ich wünschte, ich hätte mehr Wert auf mich als Person gelegt.
Ich wünschte, ich hätte mich früher von dem unbedingten Wunsch in einer Beziehung mit einem Menschen sein zu müssen, emanzipiert.
Ich wünschte, ich hätte nicht als Au-Pair in Majadahonda/ Madrid gelebt.
Ich wünschte, ich hätte nicht in Trier Politik studiert.
Ich wünscht, ich hätte in Wien mehr von der Stadt mitgenommen.
Ich wünschte, ich hätte mich früher intensiv mit mir selbst beschäftigt.
Ich wünschte, ich hätte ab und an mehr getanzt statt gedacht.
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Ich bin froh, dass ich mich so zugewandt und bewusst um meine Kinder kümmere. Dass ich sie so sehr lieben kann.
Ich bin froh, dass wir als Familie so gemeinsam leben, wie mein Mann und ich das jeden Tag wieder versuchen.
Ich bin froh, dass ich so viele gute und innige Freundschaften leben und pflegen darf. Auch und besonders aus meiner Zeit in Trier und in Madrid.
Ich bin froh, dass ich so viele Bücher lesen darf und kann.
Ich bin froh, dass ich ein Buch schreibe, dass mir schon jetzt so viel bedeutet.
Ich bin froh, dass mein Mann, meine Kinder und ich gesund sind.
Ich bin froh, dass meine Kinder bei mir sind und ich ganz nah miterleben darf, wie sie sind.
Ich bin froh, dass endlich der Frühling sichtbar wird und ich ihn genießen kann, weil ich Zugang zu guten Medikamenten gegen meinen Pollenallergie habe.
Ich bin froh, dass ich schon oft für meine Werte und meine Überzeugungen eingestanden bin.
Ich bin froh, dass ich lebe.
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Ich denke nur kurz darüber nach, wie viel Platz ich Reue in meinem Leben einräumen möchte.
Zurückblickend bin ich reuevoll gewesen. Habe es mir damit auch schwer gemacht. Schwer an dem Vergangenen getragen und immer neue Stationen eingebaut, weil ich mich an anderen orientiert habe, statt auf meine Kräfte und eigenen Wünsche zu schauen, oder diese eben auch erst aufzubauen.
Ich habe Menschen in meinem Leben zu viel Raum gegeben, die mir nicht gut getan haben. Von denen ich genau wusste, dass sie mir nicht gut tuen. Statt zu gehen, habe ich sie verändern wollen. Oder mich.
Ich habe aber auch ein Bewusstsein für all das aufbauen können. Und das ist mir viel wichtiger, als all das was ich im Auge des Betrachters falsch gemacht haben könnte.
Ich glaube, dass ein ich nicht nur EIN ich ist. Ich stamme aus Familien, die viel Ohnmacht in der eigenen Lebensgestaltung erfahren habe. Trage Trauma aus Kriegen und bekriegt werden in mir. Es gibt Menschen in meinen Familien, die viel Gewalt erleben mussten, oder erniedrigt wurden.
Und ich bin ein Kind, dass im weißen Patriachat erzogen wurde.
Ich glaube, dass damit noch lange nicht die Liste der Überschriften meines Lebens und meiner Familien auserzählt ist, die die Grausamkeiten, die sich tatsächlich dahinter verbergen, ertragbar machen. Die Geschichten von Menschen, die über Gene und Erziehungsstile, über Orte und die simple Wahl der Nahrung Teil meiner Geschichte, meines Körpers sind.
Ich glaube die Intention hinter dieser Aufgabe zu verstehen. Reue kann auch etwas zu einnehmendes haben, dass uns das Hier und Jetzt nicht leben lässt und zu nur noch mehr Reue führt.
Reue hat mich mich mich besser kennenlernen lassen. Genau wie Neid, dass ich oft in Momenten von Ungerechtigkeit und der Normalisierung von Ungerechtigkeiten gespürt habe. Früher fand ich diese Gefühle ein Zeichen von meiner eigenen Schwäche. Dabei sind sie Zeichen von Grenzen, die überschritten werden oder wurden. Von mir oder von anderen. Sie zu spüren, hat mich viel über meine Grenzen, physisch und psychisch, erklärt und eingeordnet.
Und wenn viel Reue in meinem Leben war, dann weiß ich jetzt, dass dieses Gefühl eine Funktion hat. Ich kann Reue weder aktiv Platz einräumen, noch es aussperren. Es ist da und ich kann es annehmen und mich fragen: warum ist es gerade jetzt da? Warum bereue ich gerade etwas?
Es ist ein Werkzeug, dass sich speist aus all dem was ich in mir trage, all die Menschen, die ich in mir trage, all die Erfahrungen, die ich in mir trage.
Und Reue ermöglicht mir auch, mir Gewohnheiten bewusst zu machen, die Hindernisse sind. Hindernisse, die ich vielleicht gar nicht nehmen muss, oder Steine in einem Rucksack, die ich aus diesem Rucksack nehmen kann. Ablegen kann. Zurücklassen kann.
Und vielleicht, vielleicht…. wird dann der Weg meiner Kinder weniger Hindernisse haben, und ihr Rucksack leichter. Und das ist das einzige, dass ich wirklich als Mutter erreichen möchte.
