Aktiv: Schreibe über Verzweiflung

Heute ist der Arbeitsauftrag,  über die Dinge zu schreiben, die mich aktuell am meisten verzweifeln lassen. Auch hier realisiere ich am Ende, als ich den Stift wieder neben das Blatt lege und kurz über den Arbeitsauftrag und dann noch einmal über meinen Text schaue: Thema verfehlt.

Macht aber nichts, denn ich habe Jahre der Verzweiflung hinter mir. Ich denke, es ist ein gutes Zeichen, dass sich der heutige Text wie folgt ließt. Was denkt ihr?

Heute soll ich Über Verzweiflung schreiben, den ich für die Welt empfinde. Während ich darüber nachdenke, woran ich eigentlich alles verzweifeln kann, das in der Welt geschieht, blicke ich auf unsere erwachende, alte Kastanie. Bis eine kleine Fliege an der großen Fensterfront immer wieder durch meinen Blick surrt. Wer mich kennt, die oder der hat mich vermutlich schon einmal beobachtet, wie ich das eine oder andere Insekt, das sich in unsere Küche verflogen hat, in einem Glas fange, um es dann auf unseren Balkon zu bringen. Fliegen oder krabbeln lasse.

Gerade im Winter hätte diese Fliege vermutlich nicht mehr viel Zeit, um draußen die Umwelt zu erkunden. Aber wer bin ich zu urteilen oder Ableitungen aus meinen Vermutungen über seine Fähigkeiten zu Entscheidungsanweisungen über ihr oder sein Leben zu fällen?

Die Fliege lebt. Es ist nicht an mir, sie entweder in unserer Wohnung langsam, aber sicher, verhungern zu lassen, noch sie einfach mit der nächst besten Zeitung tot zu schlagen. Eine Fliegenklatsche besitzen wir nicht. Im Gegensatz zu meiner Kindheit, in der wir an vielen Tagen mehrere hundert Fliegen und Brummer im Haus meiner Eltern ertragen mussten, kann ich die Fliegen in unserer Wohnung, in der meine Kinder ihre Kindheit verbringen, an zwei Händen abzählen – im Jahr.

Eine Fliege, die außerhalb der Wohnung fliegt, ist – aus meiner Sicht hier oben – zurück im großen, alten Kreislaufs des Lebens.

Ich stelle mir vor, wie ein Vogel, der in diesen mindestens sechsgeschossigen Riesen vor unserer Terrasse, überwintert, das kleine schwarze Fluginsekt noch im Startflug aus meiner Hand heraus mit seinem Schnabel schnappt und bevor es noch wirklich bemerkte was ihm geschieht,  langsam Teil des Vogels wird.

Oder der Kälteschock durch die kalte Luft im Freien, im Vergleich zur Wohnungstemperatur, lässt die Fliege schnell erfrieren und den Fall von vier Stockwerken nicht überleben.

Nun liegt sie da unten auf der braunen Erde zwischen Laub und kleinen Stöckern und ein schwarzer Käfer, der hier auf den Weg zu seinem Bau vorbei krabbelt, frisst sie auf. Er versteckt sich unter einem Blatt und bevor er sich eingräbt für den langen Schlaf, um den harschen Winter weit unter der Erde bei den Wurzeln des Baumes zu verbringen, lässt er noch einen kleinen Misthaufen hinter sich zurück. Ein Abschiedsgeschenk oder ein Willkommensgruß – je nach Perspektive. Auf diese kleinen Haufen fällt heuer der wenige Schnee des Jahres, friert den Haufen ein.

Ich bemerke von all dem nichts. Ich sitze oben im Warmen und schaue raus. Ich warte, sehne mich schon jetzt von den ersten kalten und dunklen Tagen weg. Fange an den Schlaf um mich mit tot sein zu verwechseln, so sehr zerrt das kalte, dunkle, machtlos ausgelieferte an mir.

Denn wenn die Nacht den Tag verschlingt werde auch ich müd‘ , ermatte und bin schon bald kraftlos. Erst noch aus der Erinnerung speisend wissend, dann nach und nach mit der letzten verbliebenen Hoffnung, blicke ich immer wieder, selbst im Dunkeln, prüfend das winterliche, hungernde Gerippe, ganz nackt so ohne Tracht und Kleidung, des Baumes vor mir, im Draußen und Kalten, an. Was sagst du mir heute, alte Dame?

Die Wochen ziehen vorbei und die alte Dame schläft.

Mit den ersten Frühlingsstrahlen taut Boden und mit ihm der kleine Haufen. Erinnerst du dich? Nun ist es Zeit und er gibt seine Nährstoffe an die Erde zurück und dort, wo jetzt ein neuer, kleiner, schwarzer Käfer seinen Weg nach oben gräbt, fließt bald das Tauwasser zur Wurzel meiner Gefährtin durch die dunklen Tage. Die langsam erwachende alte Dame saugt das Wasser in sich auf, pumpt das frische Kühl durch ihre inneren, uns verborgenen Adern. Wenn es ganz leise ist und ich mit einem Stethoskope an ihrem Stamm lausche, dann höre ich die wallenden Wellen senkrecht den Stamm bis hinauf in die kleinsten Zweige strömen.

Sie ernährt sich nun von den Resten der Fliege, um dann, nach ein zwei Wochen ersten Durstlöschens, mit erst weißen, vollen Knospen, den weichen runden Lippen eines Menschen nicht unähnlich, dann ihre rosa Blüten, mit jeden Tag mehr, dem Himmel und noch lebenden Insekten anbietend, entgegen streckt. Wer erspürt bei diesen Bild nicht die reinste Form von Erotik? Auch für uns Menschen ist es nun sichtbar: dies ist der Beginn von etwas Neuem.

Nun trotzen die Tage den Nächten ihre Sonnenenergie wieder ab. Minute für Minute, Tag für Tag. Erst zaghaft, dann mit der ganzen Kraft der Hoffnung. Gegen Ende März, trotz des langen sehnsüchtigen Wartens schier plötzlich, wie von einem Tag auf den anderen, sprießen die Blätter sprießen. Der Baum ist gänzlich aufgewacht. Streckt sich endgültig mit langen, tiefen Atemzügen aus seinen letzten Stunden Winterschlaf. Und mit ihm auch ich.

Erst sind es nur kurze Blattspitzen, dann große Blätter mit sieben abgerundeten Ecken, die mich anregen. Mich morgens glücklich und versunken auf die grüne Pracht hinauf und hinaus starren lassen.

Nun atme ich die Ausatmung des Baumes tief und tiefer bis in die letzten kleinen verästelten Bronchien meiner Lunge und Pore meiner Haut ein.

Ich schließe die Augen und denke: was für ein Abenteuer, was für eine Macht, was für eine Kraft, die diese kleine Fliege ermöglicht hat.

Das mache ich mir bewusst, während ich das Trinkglas über die Fliege stülpe, ein Blatt zwischen die Wand und die Ränder das Glas schiebe und die so gefangene Fliege, mit der anderen Hand die Tür zum Balkon öffnend, ins Freie lasse. Wer bin ich zu urteilen, was in dieser kleinen Fliege für eine Kraft verborgen ist. Und wer mich nicht kennt, erkennt mich: ich bin die Frau die auf dem Balkon steht und scheinbar ins Nichts starrend den Tag damit beginnt das Wunder um sich aufzunehmen.

Published by

Avatar von Unbekannt

Sophia Sandmann

schreiben, um Gedanken nicht mehr mit mir herum zu tragen

Hinterlasse einen Kommentar