In meinem Bauch

Den folgenden Text schreibe ich während meine Kinder beim Sport sind. Der Fahrt zur Turnhalle war ein giftiges Sein meiner Person vorausgegangen. Ich konnte mich danach selbst nicht leiden. Aber ich kann nicht verneinen, dass ich so ranzig mit meinen Kindern umgegangen bin, dass meine Tochter irgendwann geweint hat. Mit diesem Gefühl, dem Wissen, und mit meinem Sein habe ich mich dann in ein Café gesetzt und folgenden Text verfasst. Was denkt ihr?

Es ist wieder DIE Zeit des Monats.

Ich bin voller Aggressionen, meine Kinder und all die Lebendigkeit, die frechen Ausbrüche, die ich ihnen normalerweise bewusst lasse, die sie sich erhalten sollen damit sie auch in Zukunft laut, stark und sie selbst sein können, stoßen mich plötzlich an selbst laut und gar giftig zu werden, stoßen mich ab, ich kann sie nicht SEIN lassen.

Ich schnauze sie an. Ich weise sie ab. Ich weise sie zurecht. Ich halte ihnen ihre selbst vor. Halte ihnen vor, dass sie undankbar sind. Mich wie etwas behandeln, dass ja eh immer da ist, auf dass sie sich verlassen können, das es bleibt, auch wenn sie darauf herumtrampeln. Ein Danke sei schon zu viel für sie.

In mir tief drinnen, direkt neben meinen Magen ist ein schwarzer Nebel in ungefüllten, luftleeren roten Raum. Es ist ein Teil von mir, ein dunkles ich, wie die Nacht. Voller Ungeheuer, voller Unvorhersehbaren, tyrannisch. Es boxt und schlägt um sich, entkrampft sich, entwickelt Kraft.

In mir sind Kräfte, die frei sein wollen. Zurechtgestutzt von der patriarchalen Schere, während um mich herum glockenhell gesungen wird: Du bist ein Mädchen. Mädchen. Mädchen. Mädchen.

Mädchen, die Ergänzung zum Anderem, richtigem Mensch. Sei stolz auf dich. Du wirst gebraucht, du bist das was alles zusammenhält.

Mach dich klein, aber sei stark genug jemanden anderen zu tragen.

Sei klug, und klug genug, nicht aufzubegehren. Jemand anderes muss an dir Gefallen finden.

Das Glockenspiel der inneren Stimme verheddert, verkrampft, verknotet sich über die Jahre in dem einem Organ, das mich Leben zeugen lässt, mich aber auch innerlich an die Kette legt, unfrei, in jemanden anderen Leben eine Nebenrolle spielen lässt.

Dieses Organ, das andere ganz automatisch, quasi deterministisch auf mich zutreten lässt, mit einer Erwartung, allumfassend, ab dem ersten menschlichen Blick auf mich im Kreißsaal: ein Mädchen, eine spätere Mutter, eine spätere Großmutter, ein selbstloses, hübsch anzusehendes Zusatzgeschöpf, eine Ergänzung, eine Bedienung, ein Etwas, dass jemanden anderem seine Gefühle erträgt, aushält, erhält, hält.

Eine Vase, schön anzusehen als ergänzendes Dekor. Nutzlos schön. Aber ohne die Vase, wird es trotzdem noch Blumen geben.

Ein Etwas, das mit passiven Sätzen beschrieben werden kann. Ein Passiv.

Bis vor kurzem hatte ich oft schwere prämenstruelle Krämpfe, menstruale Krämpfe, oft fühlte ich mich danach tagelang selbst wie ein Krampf.

Diese Krämpfe sind weg, seit ich die oben beschriebenen Gedanken zulassen kann, die Gefühle, die diese Gedanken treiben, mit ihrer ganzen Wucht in meinem Körper fließen. Ich sie raushaue, rausschreie, rauslasse. Rausschreibe. In meiner Therapie zu einer Lebensansicht formuliere.

Wut spüre, die Unterwürfigkeit, die Unerträglichkeit auf meine Therapeutin übertragen habe.  Die Stunde selbst ist wie weggeflossen, ein schwarzer Strom aus nichts.

Das einzige Licht der Erinnerung das ich an die Übertragung habe ist, wie sie sagte: Es kann sein, dass ich Erwartungen an Sie hatte. Ich entschuldige mich.

Was für ein Moment.

Nicht ich allein war für meine Gefühle verantwortlich, ich spürte, ich merkte, dass diese wenigen Worte mich hielten. Sie gaben den Ausgang eines Tunnels frei, erleuchteten ihn. Gaben einen Schatz frei: Die Gewissheit, hier läuft etwas ab, und das tut dir nicht gut. Ist außerhalb deiner Kontrolle.

Und: Hier ist eine Grenze. Meine Grenze. Ich durfte diese Grenze spüren. In mir drinnen. Entdecken, mir anschauen und annehmen. Das ist also mein Körper, meine Außengrenzen, mein Bereich. Ein Schatz.

Hier könnte der Text zu Ende sein.

Aber was ich erlebte war eben nur in einem geschütztem Raum der Therapie mit einer anderen Frau.

Im Außen, im draußen, schützt mein Schatz mich nicht. Sondern meine Gefühle werden zurecht gestutzt, passend gemacht. Wie Geflügel wird mir noch im Kreißsaal mit der fremdbezeichnung Mädchen das Genick der Einzigartigen gebrochen, die Federn der Selbständigkeit gerupft, und dann das letzte noch verbliebene Federkleid an Individualität über einem Feuer der Gesellschaft abgesenkt.

Und während der Gestank von dieser mir angetanen Brutalität noch frisch in der Luft schwebt, ich weniger Mensch, nur noch ein fertiges Produkt bin, mehr Fleisch als Tier, fragt mich meine Schlächterin mit glockenheller Stimme: Du siehst aus wie Fleisch, du riechst wie Fleisch, du fühlst dich an wie Fleisch! Wie kannst du jetzt von mir erwarten dich nicht wie Fleisch zu behandeln?

Also werde ich wie ein Braten in den Ofen geschoben und danach gefressen.

Welcher Genuss, wie zart gerade die gestutzten Flügel sind, die fette Brust. Das beste an diesem Huhn, ganz weiß und gar rein.

Wie soll mensch mit mir Mitleid empfinden, wo ich doch so perfekt zum gedecktem Tisch passe?

All diese Bilder und Gedanken werden mit Hilfe der Hormone aus meinem Gehirn in meinen Körper geschossen. All die Möglichkeiten, die Potentiale, dich ich hätte erfliegen können. Von oben, vom Horizont aus, neugierig Richtung kommenden Tag fliegen. All das was ich hätte gestalten können, fühlen können. Aber es ist der Konjunktiv, in dem ich meine Worte in die Tastatur hacke. Denn ich bin nicht einmal der Hauptgang, nur einer unter vielen Gängen eines Familienfressens, eines sich Bedienens.

Und in meinem Kopf, höre ich die glockenhelle Stimme, die mich fragt, wie ich denn nicht sein könnte was ich bin, warum ich nicht zufrieden bin mit dem was ich bin?

Denn das sind sie doch: böse, undankbaren Gedanken. Die eben gefundenen Bilder, sie sind es doch, die mich unzufrieden machen? Würde ich sie doch nicht denken, dann wäre ich nicht unglücklich! Und wie Galle spucke ich den letzten Gedanken aus.

Auf meine Kinder. Spucke die Galle meines Lebens, die unterdrückten Gedanken,  infiziere damit meine Kinder, die mir ausgeliefert sind. Sie tragen nun auch den Virus der Unterdrückung mit sich. Denn sie sind mir ausgeliefert und ich kann Schlächterin sein.

Ich beschmiere ihre Seele mit dem Dreck meiner vergangenen Unzufriedenheit. Trage damit die Wehrlosigkeit, die Unterwerfung, das Unverständnis weiter. Trete auf ihnen ein, und verstetige so ihren Weg in die Zukunft. Und fühle mich schlecht dabei. Und eben das führt zu weiteren Frust über meine Unfähigkeit, der den inneren dunkelroten, undurchsichtigen Nebel in mir weiter Kraft gibt, ihn treten und schlagen lässt.

Dann endlich, spontan?, löst er sich und bahnt sich den Weg aus mir raus. Tropfen für Tropfen, gemeinsam mit Urin und Scheiße fließt er aus mir.

Zurück bleibt nur der innere Raum, ein Organ, das nutzlos einen neuen Zyklus erwartet, bevor es in seiner Ungeduld wieder verkrampft und den Raum damit erfüllt.

Ach wäre es nur ein Organ unter vielen, wie zwei Hoden, wie ein Penis: frei hängend im luftleeren Raum der Möglichkeiten.

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Sophia Sandmann

schreiben, um Gedanken nicht mehr mit mir herum zu tragen

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