Verbunden: Schreibe draußen

hmmm,… ok. Ich schreibe draußen. Und schon jetzt, der erste Satz ist gerade erst geschrieben, weiß ich:

Ich hätte diese Aufgabe besser anders angehen sollen. Diese Karte schieben sollen.

Es soll in diesem Text um Natur gehen. Ich soll eine Minute damit verbringen, alles um mich herum zu beobachten. Zum Gesehenen einen Bezug herstellen. Und dann: 20 Minuten aus der Erinnerung heraus schreiben.

Nur: Ich sitze auf dem steinernen Türrahmen der Ballettschule meiner Tochter – mitten in Berlin. Es ist Ende Februar (2024). Ich vermute, langfristig gesehen, ist es wichtig das Jahr zu erwähnen. Für all die Leser:innen, die diesen Text zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahrhundert, in den sogenannten unendlichen Weiten des Internets, ausgraben. Vermutlich fehlt eben diesen Leser:innen das bitter kalte Erleben eines dauerhaften Kältezustandes, einer ganzen Jahreszeit, mit dem Titel: Winter.

Wie kann ich also verdeutlichen, dass dies aus vielerlei Gründen weder ein Naturerlebnis ist, noch ein Zustand ist, in dem ich 20 Minuten verbringen möchte?

Tatsächlich ist es schon frühlingshaft. Auf meinem Balkon sprießen, nein schießen, die ersten Blätter aus den Zweigen. Es hat was seltsam sexuelles sie anzuschauen. Ihr Grün hebt sich frisch von den Steinen der Mauer unseres Hauses ab. An manchen Tagen, manchmal auch in Folge, erleben wir in Berlin gerade 15* Grad Plus. Die Nächte aber sind weitgehend um nur wenige Grade über Null. Steine, wie die auf denen ich sitze, wärmen sich tagsüber nicht auf. Sie verbleiben in den nächtlichen Kältegraden. Wärmen sich, wenn überhaupt, nur ganz kurz  oberflächlich auf.

Kurz: Mein Arsch ist scheiße kalt. Erstaunlicherweise fühlt sich das fast erfrischend an. Seltsam genug. Allerdings merke ich die Kälte in meine Nieren ziehen. Unangenehm hart und neu. Es ist mein Alter, dass sich hier bemerkbar macht. Dabei habe ich oben so schön versucht alle Aufmerksamkeit auf das Äußere, die Kälte, Berlin, ansatzweise sogar die aktuelle Klimalage, zu lenken.

Ich schaue auf. Darf ich das? Oder ist die Aufgabe streng zu verstehen? Jetzt habe ich auf geschaut und bemerke neues.

Auf dem Boden vor mir liegen die letzten, dem Laubbläser im Herbst entkommene Reste an Eichenblättern herum. Braun, grau, fast durchsichtig, die kleinen feinen Adern gut sichtbar. Und dort, ein Ahornblatt. Gemeinsam mit Bierflaschendeckeln und mehreren Zigarettenstummeln.

Blicke ich auf sehe ich eine zweimal zweispurige Bundesstraße auf dem der Berliner SUV-Straßenverkehr hin und her rauscht. Kommen die Autos vor der nicht weit entfernten Ampel zum Stehen, dann höre ich auch noch die Räder eines Fahrrades oder die schweren Schritte eines, meist vorbeieilenden, Fußgängers. Kinderrufen und Eltern, die eben die Verursacher dieser anschieben auf ihren Rädern, Rollern oder Kinderwägen. Sie antreiben, anschreien, und mich verständniserhaschend anschauen.

Ich glaube Zwitschern, ich kann den Ruf oder das Singen der Vögel nicht unterscheiden, zu erahnen. Das ich die Stimmen der Vogelart nicht zuordnen kann, macht mich kurz traurig. Letztlich sind es nur so wenige und leise Stimmen, dass die Zwischenrufe im surrenden, brummenden, und surrenden Strom aus SUV-Lärm untergehen und ich sie vergesse.

Ich entscheide hier abzubrechen und diese Textaufgabe an wortwörtlich anderer Stelle eine neue Chance zu geben.

Ich hoffe, dass wenn ich die Karte in den Stapel gemischt habe und in einer unbestimmten Zukunft dann ziehen werde, ich Zugang zu einem schöneren Ort habe, mit mehr Natur um mich, die nicht unter Asphalt, Zement und Blech begraben ist. Und, der Ehrlichkeit wegen, wenn es wärmer ist und ich mir nicht ständig Sorgen um meine Nieren machen muss.

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Sophia Sandmann

schreiben, um Gedanken nicht mehr mit mir herum zu tragen